Bitterfeld voll motiviert

Die Berufsbildenden Schulen Anhalt-Bitterfeld (bbsabi) sind mit 4.000 Auszubildenden die größte Einrichtung dieser Art im Land Sachsen-Anhalt. Mit über 160 Teilnehmenden starteten wir zunächst ins WorldCafe – Tierschutz und Umwelt, Bildung, Cannabislegalisierung, Flüchtlingspolitik waren die Themen, zu denen sich die Schülerinnen und Schüler unterhalten wollten. Zunächst bildeten wir vier kleine Arenen, in denen die Jungpolitikerinnen und -Politiker Rede und Antwort zu den Schülerfragen standen. Nach fünf Minuten stieß dann je die nächste Jugendorganisation zu der Runde und dem Thema dazu und ließ sich mit den Schülerfragen grillen. Annette Adam, Lehrerin an der bbsabi: „Sofort kamen sehr viele Fragen. Die Initialzündung ist ja, dass hier junge Leute sitzen, die die Fragen beantworten. Und die haben sich sehr wacker geschlagen alle vier“.

Welche Positionen hat Ihre Partei zum Tierschutz? Wie können kriminelle Ausländer wieder in ihre Heimat zurückgebracht werden? Welche Maßnahmen gibt es zur Integration von Flüchtlingen? Wie kann Überflutung von Städten in Sachsen-Anhalt verhindert werden? Wie wollen Sie es schaffen, mehr Lehrer im Land anzuwerben und einzustellen?

Die vielen Fragen konnten beantwortet werden, das Siezen wurde recht schnell beigelegt. In der anschließenden Podiumsphase stießen die Positionen der Diskutierenden dann aufeinander. Selbstkritik war auch Teil davon:

„Bei Überflutungsvorsorge und Dämmebau haben wir in den letzten Jahren gepennt, das müssen wir auch mal ehrlich sagen“, meint Frank Wyszkowski von der Jungen Union.

Annegret Schikowski von der Grünen Jugend lobt so viel Einsicht, sieht aber die Lösung woanders: „Dämme und Dämme und Dämme bauen, das haben wir in den letzten Jahren gemacht. Das ist genau das Problem. Wir brauchen die Renaturierung, Auen saugen das Hochwasser weg. Überschwemmungsflächen sind wichtig, Dämme schieben das Problem nur nach Niedersachsen.“

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Jan Kiese von den Jusos übte derweil Kritik am eigenen Bildungssenator, es müsse deutlich mehr Geld für Lehrer investiert werden. Hier waren sich die Jugendorganisationen einig. Auch im Kontext Flucht und Integration:

„Wir investieren sehr viel Geld in Bildung und Integration für die Bewerber. Und wir nehmen auch endlich Geld in die Hand, um das Ehrenamt anzuerkennen“, so Frank Wyszkowski von der Jungen Union. Wichtig sei auch, so Pia Schillinger von der Linksjugend, dass Geflüchtete sofort einen Sprachkurs bekommen und sofern Sie eine gesuchte Qualifikation hätten sofort an Arbeit kommen könnten. Jeder neue Mensch im Land schaffe automatisch auch Nachfrage an Produkten und Dienstleistungen, die Jobs generierten sich also teilweise von allein.

Das Thema war zuvor schon in der größten Arbeitsgruppe engagiert hinterfragt worden, auch jetzt äußerte sich das Publikum mit zahlreichen Beiträgen: „Wir werden bei der Landtagswahl und bei der Bundestagswahl einen Rechtsruck erleben. Das ist so. Die Menschen sehen keine Lösungen bei der aktuellen Regierung. Und wenn wir keine Maßnahmen treffen, wird’s ganz finster. Davor habe ich Angst.“

Das Problem, so Pia Schillinger von der Linksjugend, sei nicht der einzelne Asylbewerber. Das Problem sei Rassismus. Das Problem seien brennende Heime. Deutschland, ergänzte Annegret Schikowski für die Grüne Jugend, sei auch längst nicht das Land in der EU, das die meisten Asylbewerber aufnehme, dies seien mit deutlichem Abstand Schweden oder Griechenland. Was denn tun mit Flüchtenden? Sie zu tausenden vor der Grenze erfrieren lassen? Frank Wyszkowski von der Jungen Union hielt dagegen: Die Leistungsfähigkeit sei begrenzt. Bei den aktuellen Zahlen könne nun mal nicht jeder, der wolle, hier Unterkunft und Hilfe finden.

„Den Staat mit einem Unternehmen zu vergleichen finde ich falsch“, schloss Jan Kiese von den Jusos mit Blick auf Infrastrukturmaßnahmen, aber auch auf Anstrengungen und Kosten der Integration: „Auch was nicht wirtschaftlich ist, ist Aufgabe des Staates. Integration kostet Geld. Straßen kosten Geld.“

„Die Antworten der Politiker waren plausibel. Die haben nicht so viel Quark erzählt. Das hätten unsere Schüler auch gemerkt“, bilanziert Frau Adam von den Berufsbildenden Schulen Anhalt-Bitterfeld. „Es war unwahrscheinlich engagiert. Es gab spontan Szenenapplaus, das hab ich so bei einer Veranstaltung hier noch nicht erlebt“.

Wir bedanken uns bei Frau Adam, Herrn Wetzel von der Landeszentrale für politische Bildung und unseren vier engagierten Jungpolitikern dafür, dass sie diesen großartigen Termin möglich gemacht haben und den Schülerinnen und Schülern fürs Dranbleiben, Nachhaken und konzentrierte Zuhören trotz sehr schwieriger Akustik. Auf Wiedersehen in Bitterfeld.

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