„Die Botschaft hör’ ich wohl, mir fehlt allein der Glaube.“

Spärlich besetztes Podium an der Beruflichen Schule für Spedition, Logistik und Verkehr: lediglich ein Olympia-Befürworter und zwei Olympia-Gegner sitzen vor den rund 100 Schülern. Eine Testabstimmung vorab zeigt bei den Schülern eine andere Gewichtung, die grünen „Dafür“-Karten dominieren den Raum.

Die erste Frage wird von dem Moderator Michael Feindler gestellt: „11,2 Milliarden stehen im Raum. Wer garantiert uns, dass das am Ende nicht teurer wird?“ Felix Johst, Vertreter der SPD-Fraktion, dazu: „Wenn man sich die vorangegangenen Projekte anguckt, dann ist das wirklich eine Katastrophe. Bei Planungen, die der Bund gemacht hat, da wurden die Kosten vorher künstlich runtergerechnet, damit es besser aussieht. Und dann wurde das hinterher natürlich teurer als geplant. Deshalb wählen wir jetzt für Olympia einen neuen Ansatz. Wir nehmen das Worst Case Szenario, damit es höchstens günstiger wird und nicht teurer!“ Carola Ensslen von STOP Olympia widerspricht: „Wir halten das alles nicht für sehr seriös. Der Rechnungshof hat die Kostenplanung bisher ja schon sehr kritisiert. Zu diesem Zeitpunkt ist die Planung ja noch gar nicht abgeschlossen, wir wissen auch noch gar nicht, was das IOC am Ende konkret von Hamburg verlangt. Nicht berücksichtigt ist auch die kurze Zeit, die von 2017 bis 2024 angesetzt ist, um den Kleinen Grasbrook leerzuräumen und die neuen Gebäude aufzubauen.“

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Nach kurzer Zeit kam dann auch die erste Frage eines Schülers: „Und was passiert mit den ganzen Firmen, die um den Hafen rum sind, die müssen doch irgendwo hin?“ Felix Johst (Vertreter der SPD-Fraktion) erklärt: „Die werden verlegt. Es stimmt, es gibt gerade Unternehmen, die auf dem Kleinen Grasbrook angesiedelt sind. Diese werden verlegt und an anderer Stelle neu aufgebaut.“ Dazu ergänzend Mehmet Yildiz von der Fraktion Die Linke: „Diese Umsiedlung wird 1,2 Milliarden kosten und danach müssen die Firmen weniger Miete zahlen. Dieses Geld wird in den Hamburger Kassen dann definitiv fehlen. Also wieder Geld, das nicht für die Hamburger Bürger genutzt werden kann.“

Zu Beginn der Diskussion wurde viel über Finanzen gesprochen. Deswegen kam nach einiger Zeit die Fragen auf, wer aus dem Volk denn überhaupt was von Olympia hat. Felix Johst (Vertreter der SPD-Fraktion) ist überzeugt: „Ich glaube, dass wir alle was von Olympia haben werden. Das meiste Geld wird in die Infrastruktur gesteckt und dadurch haben wir alle ja auch längerfristig was. Wir profitieren auf mehreren Ebenen. Es werden neue Wohnungen gebaut, der Breitensport wird durch die Sanierung der vorhandenen Sportstätten weiter gefördert. Und ich glaube, dass wir durch einen relativ kleinen Betrag, den wir zahlen müssen, unglaublich viel bekommen werden. Hamburg wird 1.2 Milliarden Euro zahlen und mehr nicht. Der Rest muss der Bund und der IOC zahlen. Wenn sie das nicht machen wollen, ist Hamburg raus.“

Eine allgemeine Aussage zur Stadtentwicklung kommt von Carola Ensslen (STOP Olympia): „Der Senat nimmt Olympia als Vehikel, um die Stadtentwicklung zu planen. Doch durch den IOC wird Hamburg eine Stadtentwicklung aufgedrückt, die von außen kommt. Hamburg muss sich aber aus sich selbst entwickeln. Ohne Olympia würde es Hamburg dadurch deutlich besser gehen.“

Eine Grundsatzfrage ist, warum das Geld nicht einfach jetzt schon für Hamburg genutzt wird. Und spezieller, warum die S- und U-Bahn nur durch Olympia schneller gebaut werden soll. Carola Ensslen (STOP Olympia) sagt dazu: „Ich halte es für ein Gerücht, dass durch Olympia alles schneller gebaut wird. Der Ausbau der S- und U-Bahn ist jetzt schon in Planung und würde auch ohne Olympia stattfinden. Einzig die Verbindung zum Kleinen Grasbrook würde neu gebaut werden.“

Große Angst besteht auch vor Fällen der Korruption. Ein Schüler fragt dazu: „Wer garantiert, dass das Geld nicht in falsche Hände gerät? Kann man das zusichern? Dass das alles ordnungsgemäß verläuft?“ Carola Ensslen von STOP Olympia sagt dazu: „Der IOC will Steuerfreiheit haben, nächstes Jahr im Februar muss Hamburg sieben Garantien abgeben, alleine schon in der Bewerbungsphasen. Damit würde sich Hamburg schon nächstes Jahr in die Hände des IOCs begeben.“ Auf die Frage, was diese Garantien sind, kam von ihr die Antwort: „Das wüssten wir auch gerne. Wir haben Olaf Scholz auf einer Veranstaltung danach gefragt, da reagierte er sehr unwirsch. Es wirkt so, als ob er das selbst nicht genau weiß. Und das passt nicht zu der angeblichen Transparenz, die HH den Bürgern bieten möchte.“

Aber auch positive Stimmen meldeten sich zu Wort: „Ist es nicht eine Chance für Hamburg, sich der Welt komplett zu präsentieren? Und sich als neuer Standort bekannt zu machen? Auch nachhaltig?“ Felix Johst, Vertreter der SPD-Fraktion, sieht das genauso: „Ich glaube, wir haben eine enorme Chance durch Olympia. Alleine, wie stark unsere Infrastruktur dadurch profitieren wird, ist enorm. Ein weiterer Punkt ist die WM 2006. Wenn man daran zurückdenkt, dann sieht man, wie das Erscheinungsbild Deutschlands sich in der Welt verändert hat. Und auch durch Olympia würden Deutschland und Hamburg noch bekannter in der Welt werden. Das ist immer vorsteilhaft für eine Stadt.“

Aber auch die Angst vor Preissteigerungen kommen immer wieder auf: „Wer sagt denn, dass nicht durch Olympia die Mehrwertsteuer steigt, damit die Bürger auch was mit bezahlen müssen. Dass alles teurer wird?“ Mehmet Yildiz (Fraktion Die Linke) geht dazu auch noch auf einen anderen Punkt ein: „Man darf nicht vergessen, dass die Gelder, die der Bund zahlen würde, auch durch Steuergelder finanziert werden. Außerdem sind in den berechneten 11,2 Milliarden Euro noch viele Kosten nicht eingerechnet. Der Bau des Olympischen Dorfes ist dort nicht mit drin, der Rückbau der Arenen auch nicht, das Sicherheitskonzept nur zum Teil. Es wird einfach alles deutlich teurer werden.“

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Die zweite Schule heute ist das Hansa-Gymnasium in Bergedorf. Ca. 200 sehr gut vorbereitete Schüler erwarten uns. Eine Besonderheit hier ist das Fernsehteam von Hamburg1, welches die komplette Diskussion moderiert und filmt. Moderator Nico Pommerenke wird außerdem von zwei Schülermoderatoren unterstützt.

Die erste Frage betrifft ganz speziell Bergedorf und was für Vorteile Olympia speziell für diesen Stadtteil bringen würde. Christiane Blömeke von den Grünen dazu: „Die ganze Stadt hat Vorteile von Olympia. Die Infrastruktur wird sich rasant verbessern, Sportstätten werden ausgebaut und saniert. Das ist nicht nur für Bergedorf von Vorteil, sondern für komplett Hamburg.“ Stephan Jersch (Fraktion Die Linke) widerspricht vehement: „Da muss ich mal eingreifen jetzt. Bergedorf wird von Olympia gar nichts haben. Laut der Stadt hat Bergedorf schon jetzt die besten Standards bei den Sportstätten. Also würdet ihr vielleicht noch ein oder zwei Sportplätze bekommen und das wars. Und noch etwas Negatives: an der Grenze zum Naturschutzgebiet hier würden die Ruderanlagen gebaut und durch die riesigen Tribünen wird die Umwelt natürlich stark angegriffen. Ihr seht, Olympia hätte eher negative Auswirkungen auf Bergedorf.“

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Nach einigen Fragen zu möglichen Mietsteigerungen kam eine allgemeine Frage zur Mietpreisbremse auf, die in Hamburg eingeführt werden soll. Christiane Blömeke von den Grünen gibt eine kurze Erklärung: „Die Mietpreisbremse begrenzt pro Quadaratmeter die Miete für einen bestimmten Stadtteil. Es ist ein Instrument, das dafür sorgt, dass Investoren nicht in einem Stadtteil alles teurer machen durch steigende Mieten.“ Carola Ensslen von STOP Olympia greift ein: „Dazu muss man aber ja sagen, dass die Mietpreisbremse nicht für Neubauten gilt. Somit sind diese 8000 Neubauten vom Kleinen Grasbrook davon ausgenommen und sind nicht von der Mietpreisbremse betroffen. Also ist das für das Thema Olympia völlig irrelevant.“

Eine Schülerin stellte ihre Frage direkt an Christiane Blömeke von den Grünen: „Olympia hat ja nicht den Ruf, besonders umweltfreundlich zu sein. Spricht das nicht gegen das Image der Grünen, dass sie jetzt für Olympia sind?“ Sie sagt dazu: „ Du hast vollkommen recht, wir haben uns sehr schwer getan mit der Entscheidung zum ‚Ja’ für Olympia. Wir stimmen jetzt auch nur dafür, wenn die Bedingungen stimmen. Die Spiele sollen klimaneutral werden, es gibt ein völlig neues Konzept. Die Spiele sind alle sehr kompakt beieinander und nicht weit auseinander. Und wir gehen in keine Naturschutzgebiete hinein, das ist schlicht eine Lüge. Wir Grünen werden ganz ganz kritisch darauf gucken, dass die Spiele nachhaltig geplant und durchgeführt werden.“ Auch Jacub Wozniak (Vertreter der SPD-Fraktion) pflichtet ihr bei: „Nachhaltigkeit ist ein ganz wichtiger Punkt. Wir möchten CO2-neutral bleiben, als Beispiel die Busse. Aber auch nach den Olympischen Spielen sollen die Hallen und Arenen genutzt werden. Das Olympiastadion wird verkleinert, das Schwimmbecken umgebaut. So bleibt nachhaltig was für alle Bürger in Hamburg.“ Benjamin Welling (Vertreter der CDU-Fraktion) sagt dazu noch kurz: „Es gibt durch Olympia einen riesigen Vorteil für junge Leute. Auch noch 10 Jahre nach Olympia. Die Infrastruktur wird deutlich schneller verbessert, es gibt neue Sportstätten und städteweise bessere Möglichkeiten.“

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Viele Schüler haben Angst, dass sie Olympia nur vor dem Fernseher sehen können, weil die Ticketpreise so hoch werden. Johannes Richter (Vertreter der FDP-Fraktion) beruhigt: „Die günstigsten Ticketpreise liegen schon bei 25 Euro. Also können auch wir als Schüler uns so ein Ticket leisten. Klar, gibt es auch teurere Tickets, aber jeder der will, kann auch als Zuschauer bei den Olympischen Spielen dabei sein.“

Ein allgemeines Statement von Prof. Dr. Jörn Kruse (AfD-Fraktion): „Jedem Bürger liegen alle Fakten auf dem Tisch. Man kann sich sowohl über die Pro- als auch über die Contra-Argumente informieren. Das hat Hamburg sehr gut gemacht. Aber wichtig ist, neben dem finanziellen Aspekt, auch, dass Hamburg die Begeisterung für Olympia entdeckt und auch lebt. Sonst braucht man solche Spiele hier nicht machen.“

Die letzte Frage, auf die die Gäste noch einmal antworten konnten, war: „Kann Olympia überhaupt zu den Kosten getragen werden und was passiert, wenn es doch mehr wird?“

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Jakub Wozniak (Vertreter der SPD-Fraktion) dazu: „Der Bau der Elbphilharmonie ist suboptimal gelaufen. Aber aus Fehlern lernt man. Und deswegen haben wir gesagt, dass es so nicht weitergehen kann, auch bei Großprojekten. Kostenstabiles Bauen ist uns wichtig. Natürlich, es besteht immer ein Restrisiko. Aber deswegen schlagen wir auf den Betrag immer noch einen gewissen Prozentsatz hinauf, um dieses Mal alles richtig zu machen.“ Prof. Dr. Jörn Kruse (AfD-Fraktion) sieht das nicht ganz so optimistisch: „Es gibt durchaus Zweifel. 2017 werden die Zahlen viel präziser sein. Jetzt ist das noch nicht sicher. 6,2 Milliarden soll ja der Bund zahlen. Wenn der Bund aber sagt, er wird diese Summe nicht zahlen, dann wird Hamburg ‚Nein’ zu Olympia sagen.“ Benjamin Welling (Vertreter der CDU-Fraktion) hat da einen ähnlichen Standpunkt wie sein Kollege von der SPD-Fraktion: „Bei der Elbphilharmonie wurden unglaubliche Fehler gemacht, das ärgert mich immer noch. Aber deswegen muss man doch trotzdem weitermachen. Wenn ich einmal vom Fahrrad falle, setze ich mich ja trotzdem wieder drauf. Deswegen werden wir auch weiterhin Großprojekte planen und haben aus unseren Fehlern gelernt. Wir wollen grüne Spiele, planen nachhaltig und so kann Olympia auch zu uns kommen.“ Carola Ensslen (STOP Olympia) sieht das alles deutlich kritischer: „Das ist ja alles schön und gut, aber wir unterhalten uns hier ja über die Risiken für uns Hamburger. Aus Erfahrungen sehen wir, dass solche Projekte immer teurer werden als geplant. Das IOC macht es auch oftmals noch teurer. Alleine die Erschließung und Bebauung des Kleinen Grasbrooks wird deutlich teurer als geplant, das Sicherheitskonzept auch. Wir haben sehr sehr große Risiken, die am Ende Hamburg tragen muss, wenn es Komplikationen gibt.“

Stephan Jersch (Fraktion Die Linke) schließt mit den Worten Goethes: „Die Botschaft hör’ ich wohl, mir fehlt allein der Glaube.“

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