Hamburg als Weltstadt

Die rund 100 Schüler an der Stadtteilschule Horn sind gut informiert. Ihre Fragen drehen sich um die Themen Finanzierung, Sicherheit und Terrorismus.

Yannik Regh (Vertreter der SPD-Fraktion) macht den Anfang: „Niemand weiß, wie 2024 die Sicherheitslage in Europa ist. Zu den Anschlägen in Frankreich: ich bin Deutsch-Franzose, ich war im Januar das letzte Mal in Hamburg und ich finde, wir dürfen keine Angst haben und mit Olympia zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen.“

Dieter von Kroge (STOP Olympia) glaubt nicht an den vorgestellten Finanzplan: „Der Senat weiß, dass im Falle einer Ausrichtung der Sommerspiele 2024 auf Hamburg immense Zusatzkosten zukommen werden, die im Finanzplan nicht einberechnet sind. Das wird mindestens eine Milliarde teurer werden, da ist der Senat ganz bewusst mit einer viel zu niedrig kalkulierten Zahl reingegangen. Das ist auch kein richtiger Finanzplan, das ist ein Wunschzettel. Das ist wie wenn ihr euch zu Weihnachten einen Laptop wünscht, eure Eltern sich den aber gar nicht leisten können. So ist das mit Hamburg und den Zuschüssen vom Bund.“

Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) ist erzürnt: „Hier wird so viel Quatsch behauptet, das ist unglaublich. Die Behauptung, dass der Kostenreport angeblich ein Wunschzettel ist, das ist überhaupt nicht wahr. Olympia wurde in ganz viele Einzelprojekte unterteilt, die ganz genau berechnet wurden. Die Kosten für Olympia sind bei uns deshalb so hoch, gerade weil sie so gut durch kalkuliert sind. Die Zahlen der anderen Städte, das sind Wunschzahlen und nicht unsere. Außerdem hat London z.B. 30% Gewinn durch die Olympischen Spiele gemacht und Barcelona ist seitdem weltbekannt. Und wenn wir das in Hamburg gut machen, dann werden wir in der ganzen Welt bekannt sein.“

12191097_763325657110780_1526166112662202119_o

Die Schüler sind eher skeptisch: „Vom IOC hört man ja auch nicht so viel Gutes. Die kriegen dann doch die ganzen Gewinne von Olympia?“, „Das stimmt doch gar nicht, dass Hamburg durch Olympia bekannter wird. Wir sind doch schon bekannt, zum Beispiel für unsere Musicals.“

Mehmet Yildiz (Fraktion die Linke) stimmt der Schülerin zu: „Auf der UN Vollversammlung hat Obama Hamburg gelobt, daran sieht man doch, dass wir schon bekannt sind.“

Farid Müller (Die Grünen) greift zunächst die Vorurteile gegen das IOC auf: „Wir werden keine Schulden machen bei Olympia. Wir stellen das Ganze völlig neu auf und das will das IOC auch mitmachen. Wir wollen weg vom Gigantismus, wir wollen mehr Transparenz. Mit unserer Bewerbung zeigen wir, es geht auch anders, Olympia geht auch in einem demokratischen Land wie Deutschland. Und genau deshalb gibt es bei uns auch ein Referendum, weil wir das ganze Volk mit einbeziehen wollen. Wir sind da ja nicht blind und euphorisch in die Bewerbung reingegangen, wir haben die Probleme und Risiken schon mit berücksichtigt. Und zur Bekanntheit: ja, Hamburg ist in Deutschland relativ bekannt, aber doch nicht international. Da können wir mit Städten wir München oder Berlin noch lange nicht mithalten.“

12247818_763325663777446_8843548035823185933_o

Weitere Fragen drehen sich um die momentane Flüchtlingskrise: „Wir verschwenden so viel Geld für Olympia, können wir uns nicht erstmal um die Flüchtlinge kümmern? Sollten wir uns nicht erstmal um die Probleme kümmern, die wir haben?“

Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) erklärt, warum Hamburg sich nicht zwischen Olympia und Flüchtlingshilfe entscheiden muss: „Das, was wir im Moment für die Flüchtlinge ausgeben, das steht in keinerlei Konkurrenz zu Olympia. Vom Finanziellen her tun sowohl die Stadt als auch der Bund alles, was wir können. Die Probleme liegen wirklich woanders. Es kommen unglaublich viele Flüchtlinge hier her und das jeden Tag. Die brauchen Unterkünfte, die müssen versorgt werden, brauchen langfristig mehr Integration und Arbeitsstellen. Darum müssen wir uns kümmern, aber es hängt bei den Flüchtlingen wirklich nicht am Geld.“

Die Schüler glauben nicht, dass sie sich bei Olympia Wohnungen oder Eintrittskarten leisten können: „Können wir uns die neuen Wohnungen überhaupt leisten oder sind die nur für Reiche?“, „Was haben wir denn davon, wir können uns den Eintritt für die Spiele dann doch eh nicht leisten!“

Dieter von Kroge (STOP Olympia) ist auch unzufrieden: „Die Architekten, die zeigen uns immer hübsche bunte Bilder, aber wir haben noch nicht eine Zahl, was zum Beispiel der Rückbau der Stadions kosten soll. Ihr habt Recht, die Preise für Olympia sind mit Sicherheit genauso hoch wie der Besuch in der Staatsoper und auch wenn ihr jetzt Schülerpreise bekommt, in neun Jahren seid ihr keine Schüler mehr. Die Stadt braucht generell viel mehr bezahlbaren Wohnraum. Dieser Drittelmix, das bedeutet: ein Drittel frei vermietbar, da werden die Preise in die Höhe schießen. Ein Drittel wird dann als Eigentumswohnungen verkauft und dann bleibt nur noch ein Drittel bezahlbare Wohnungen. Wir brauchen aber nicht ein Drittel Sozialwohnungen, sondern 100%!“

Farid Müller (Die Grünen) sieht das anders: „Wir legen hier das erste Mal für so eine Großveranstaltung einen Plan vor, der die Bauten nachhaltig plant. Wir brauchen nach Olympia so ein großes Stadion nicht, deshalb bauen wir das auch wieder zurück. Zu den Wohnungen: man kann diesen Drittelmix natürlich immer kritisieren, der hat aber so nichts mit Olympia zu tun. Und kein Mensch kann sagen, dass die Mieten nach Olympia steigen werden. Wir werden 8000 neue Wohnungen durch Olympia kriegen, da könnt ihr euch eine Wohnung aussuchen. Und auch vorher werden neue Wohnungen gebaut, ganz unabhängig von Olympia. Also lasst euch keine Angst machen hier, wir haben die Risiken mit eingeplant und dafür gesorgt, dass die relativ gering gehalten werden. Es gibt überall im Leben Risiken, aber man muss auch mal eine Chance sehen und ergreifen!“

Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) sieht ganz viele Vorteile für die Schüler: „Ich habe ja schon am Anfang gesagt: wir können auch ohne Olympia investieren. Aber mit Olympia kriegen wir massive Zuschüsse vom Bund, da können wir dann das zehnfache in die Stadt investieren. Gerade junge Leute werden ihr ganzes Leben was von Olympia haben. Arbeitsplätze, Infrastruktur, das Ansehen der Stadt: Das wird sich alles zum positiven verändern. Olympia ist eine riesige Chance für eure Zukunft.“

Mehmet Yildiz (Fraktion Die Linke) sieht das kritischer: „Die Preise für Olympia in London gingen bis 3000 Euro, das kann sich keiner von euch leisten, auch nicht in neun Jahren. Was auch immer schön geredet wird, ist die Infrastruktur: die U-Bahn, die für Olympia gebaut werden soll, die ist sowieso geplant. Die wird auch ohne Olympia gebaut. Ich sehe keinen Vorteil für Olympia. Und für 16 Tage feiern will ich nicht 60 Jahre Schulden abbezahlen.“

Yannick Regh (Vertreter der SPD-Fraktion) widerspricht: „Wir haben hier eine riesen Möglichkeit, unsere Stadt weiterzuentwickeln, auch hier in Horn kann dann mehr ausgebaut werden, die ganze Stadt wird barrierefrei gemacht. Von Olympia können wir nur profitieren“ Auch Farid Müller (Die Grünen) sagt: „Ich bitte euch um ein ja. Ein ja für eine Bewerbung, die es so noch nicht gegeben hat. Für die Bürgerinnen und Bürger wird es bei Olympia kein finanzielles Risiko geben, wir kümmern uns ja auch nach dem Referendum noch um eure Bedürfnisse und Wünsche.“

Dieter von Kroge (STOP Olympia) plädiert dagegen: „Jetzt zu glauben, dass der Bund Hamburgs Sanierungen jetzt auf einen Schlag bezahlt, das ist Unsinn. Das Geld ist für den ganzen Bund gedacht, da wird der Bund uns nicht so viel Geld auf einmal einfach so geben.“

12244624_763325510444128_6072822026857695762_o

Weiter geht es am Gymnasium Blankenese mit ca. 200 Schülern. Moderator Thomas Lerche steigt mit einem aktuellen Thema in die Diskussion ein: „Wir haben das ja gerade in Paris gesehen, wie Großveranstaltungen zum Ziel für Terror werden. Müssen wir jetzt bei Olympia auch angst davor haben?“

Alina Weigand (Vertreterin der CDU-Fraktion) hat Verständnis für solche Ängste: „Natürlich, sowas ist schrecklich und solche Verbrechen müssen auch geahndet werden. Aber es wäre falsch zu sagen, dass wir uns mit Olympia zur Zielscheibe machen, es wäre genau das falsche, jetzt den Kopf einzuziehen. Wir müssen beweisen, dass wir eine Generation sind, die gegen den Terror angeht und ihn bekämpft.“ Carola Ensslen (STOP Olympia) stimmt zumindest in einem Punkt zu: „Ich finde auch, dass wir uns von diesen schrecklichen Ereignissen nicht von Olympia abschrecken lassen dürfen. Das ist für mich kein Argument gegen Olympia, ich möchte nicht, dass das dafür instrumentalisiert wird. Trotzdem müssen wir natürlich über die Kostenfrage sprechen. Die eingeplanten Kosten werden so nicht reichen, das wird auf jeden Fall teurer werden, und zwar erheblich.“

Auf die Kostensteigerung in London angesprochen meint Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion): „Das stimmt, in London waren die Kosten für die Sicherheit sehr hoch, das war ganz schlecht geplant, London hat sich da eindeutig verrannt und hat fehlgeplant. Diese Erfahrungen fließen aber in unser Konzept für Olympia mit ein. Grundsätzlich hat Olaf Scholz ja gesagt: Hamburg bezahlt 1,2 Milliarden Euro, mehr nicht. Und bis 2017 können wir unsere Bewerbung immer noch zurück ziehen. Wenn da noch irgendwas unvorhergesehenes passiert, was die Kosten steigert, dann machen wir Olympia nicht.“

12182805_763352347108111_4500800105903551524_o

Die Finanzierung ist ein großes Thema bei den Schülern: „Der Bund soll ja einen Teil der Kosten übernehmen. Was passiert denn, wenn der Bund am Ende doch nicht zahlt?“, „Gibt es auch einen Finanzplan für die Einnahmen?“

Heike Sudmann (Fraktion Die Linke) sieht das kritisch: „Die Kosten in dem Finanzplan sind ja so gar nicht sicher. Der Finanzplan ist nur ein Versuch, eine Annäherung an die eigentlichen Kosten. Seit den 60er Jahren sind die Kosten für Olympia durchschnittlich um 179% gestiegen. Ich traue uns ja echt viel zu, aber so viel schlauer als alle anderen Olympia-Städte sind wir nun auch wieder nicht.“

Filiz Demirel (Die Grünen) glaubt an Hamburg: „Wir haben viel mehr Geld für Olympia eingeplant als die anderen Bewerberstädte, Paris plant zum Beispiel nur 6 Milliarden ein und wir 11,2! Davon bezahlt Hamburg 1,2 Milliarden und der Bund 6,2. Der Rest wird durch Einnahmen finanziert. Wenn uns der Bund morgen sagt, er gibt uns die Zuschüsse nicht, dann können wir das Ganze auch nicht finanzieren.“ Alina Weigand (Vertreterin der CDU-Fraktion) fügt hinzu: „Das ist doch auch klar, dass der Bund noch nicht ja gesagt hat. Wenn der noch gar nicht weiß, was wir beim Referendum sagen, dann verspricht er uns auch noch kein Geld. Mit dem Referendum setzen wir ein ganz klares Zeichen für ganz Deutschland.“

12232689_763352110441468_4140303185928137947_o

Carola Ensslen (STOP Olymipa) macht eher die Zeit nach 2017 Sorgen: „Wenn der Bürgermeister sagt, er zieht zurück, wenn er das Geld vom Bund nicht bekommt, dann glaube ich ihm das. Aber was passiert, wenn 2017 der Vertrag unterschrieben ist und sich dann was verändert? Die Sicherheitslage kann man so früh noch gar nicht einschätzen. Meine Befürchtung ist, dass erst nach 2017 die eigentlichen Kostensteigerungen eintreten werden und dass der eingeplante Puffer dafür dann doch nicht reicht. Und dann kommen wir aus dem Vertrag nicht mehr raus. Wir sind überhaupt nicht grundsätzlich gegen Olympia oder gegen Sport. Uns stören hauptsächlich die Bedingungen unter denen das Ganze stattfinden soll, gerade die, die das IOC an die Gastgeberstadt stellt. Und solange das so bleibt, finden wir Olympia nicht in Ordnung.“

Prof. Dr. Jörn Kruse spricht sich ausdrücklich für die Kostenplanung aus: „Dieses frühe Referendum zwingt den Senat viel präziser an die Kostenschätzungen heran zu gehen, als es sonst der Fall war. Klar rechnet man immer damit, dass es auch teurer werden kann. Genau deshalb haben wir bei jeder einzelnen Kostenstelle einen Sicherheitspuffer eingebaut und ein Inflationsaufschlag ist auch mit einberechnet. Diese Planung können wir ja im Laufe der Zeit auch noch anpassen, wenn wirklich alles so viel teurer wird, dann müssen wir eben nein sagen zu Olympia.“

Heike Sudmann (Fraktion Die Linke) glaubt nicht, dass Hamburg viel von dem Geld hat, dass der Bund bezahlten soll: „Das viele Geld, das nach Hamburg kommt, wird größtenteils für Sachen benutzt, die wir nur für Olympia brauchen. Das große Stadtion brauchen wir zum Beispiel hinterher nicht mehr, das muss dann zurück gebaut werden. Durch Olympia gibt es auch keinen Streckenausbau von U- und S-Bahnen. Zum Kleinen Grassbrook führen ca. einen Kilometer lange Schienen, das wars. Mehr kommt da nicht.“

12265559_763352277108118_1699684979837583689_o

Kurz zur Sprache kam auch Kiel als Partnerstadt für Olympia: „In Kiel wird ja auch abgestimmt, weil da die Segelwettbewerbe stattfinden sollen. Was passiert denn, wenn Kiel nein sagt?“ Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) erklärt: „Wenn Kiel nein sagt, dann können wir uns natürlich nicht mit Kiel als Partnerstadt bewerben. Im Moment ist die Stimmung dort aber sehr gut, da bin ich optimistisch.“