„Hamburg ist doch jetzt schon voll genug!“

Der erste Termin unserer Tour heute startet an der Beruflichen Schule Burgstraße. Mit ca. 180 Schülern ist die Aula voll besetzt. Nach einer Einführungsrunde der Podiumsgäste gibt es die ersten Fragen zu Olympia. Die erste Frage ist direkt eine Schülerfrage: „Wie ist es mit dem Wohnungsbau in Hamburg? Es gibt doch jetzt schon kaum genügend Wohnungen für die Hamburger. Durch Olympia wird das doch alles noch voller.“

Thomas Kreuzmann von der CDU-Fraktion erklärt dem Schüler: „Also Wohnungen werden ja auch jetzt schon allgemein in Hamburg gebaut. Jedes Jahr mindestens 6000 Wohnungen, unabhängig von Olympia. Jetzt soll Olympia kommen, und zunächst wird da auf dem Kleinen Grasbrook Wohnungsbau für die Olympiateilnehmer betrieben werden, damit sie da leben können zu der Zeit. Es würden da weitere 8000 Wohnungen entstehen. Danach werden diese Wohnungen frei gegeben für die Bürgerinnen und Bürger von Hamburg. Und da kommt dann auch der sogenannte Drittelmix zu tragen. Das bedeutet, dass 1/3 Eigentumswohnungen sind, 1/3 Mietwohnungen und 1/3 sozial geförderte Wohnungen.“

Daran anschließend gibt es weitere Fragen: „Wird es durch Olympia zu Mietsteigerungen kommen?“

Heike Sudmann von der Fraktion Die Linke: „Es wäre nur dann gut für die Mieten, wenn 8000 günstige Wohnungen gebaut werden würden. In Hamburg haben 50% der Menschen einen Anspruch auf eine geförderte Wohnung. Es werden aber keine 50% neue geförderte Wohnungen gebaut. Wir brauchen Olympia nicht um neue Wohnungen zu bauen. Durch die Förderung vom Bund fließt auch so genug Geld in die Stadt. Was zurzeit mit Olympia geplant wird, wird die Mieten explodieren lassen.“ Da widerspricht Kirsten Gräfin von Hardenberg von der FDP-Fraktion: „Ich glaube, wir müssen noch mal was klarstellen hier. Jedes Jahr werden 6000 Wohnungen gebaut. Das hat überhaupt nichts mit Olympia zu tun. Olympia ist ja eine ganz andere Geschichte. Die 8000 Wohnungen sind erst das Olympische Dorf. Und danach wird es nicht Jahre dauern, bis sie für die Normalbürger zugänglich sind. Sie müssen nur im Bereich der Küchen nachgerüstet werden. Für den Wohnungsbau sind sie also nur ein Extra.“

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Finanzen waren ein wichtiges Thema für die Schülerinnen und Schüler: „Wir haben einen Finanzplan für Olympia, in dem 1,2 Milliarden Euro von Hamburg für Olympia gespart werden muss. Können wir die 1,2 Milliarden, die wir zahlen müssen nicht jetzt auch einfach für Wohnungen nehmen?“

Sonja Lattwesen von den Grünen erklärt: „Wir legen jährlich 200 Millionen Euro für Olympia zurück. Mehr als 1,2 Milliarden wird Hamburg nicht zahlen. Dieses Geld würde ohne Olympia nicht für den Wohnungsbau zur Verfügung stehen, die Fläche des Kleinen Grasbrooks würde ohne Olympia auch nicht zur Verfügung stehen. Man muss das Geld als Investition sehen.“

Die Frage nach der Nachhaltigkeit kam auf: „Warum kann man nicht einfach die alten Stadien nehmen, die es schon gibt? Man muss doch nicht so viel Geld bezahlen für Sachen, die schon da sind? Man sollte das nutzen, was schon vorhanden ist, das wäre auch viel nachhaltiger.“

Dieter von Kroge von STOP-Olympia sagt dazu allgemein: „Dass viele Bauten übrig bleiben, die dann keiner braucht, kann durchaus passieren. Es ist ja so, dass 2017 erst entschieden wird, welche Stadt am Ende den Zuschlag bekommen wird. Es ist gerade ja nur eine Bewerbung von Hamburg. Der kleine Grasbrook ist gerade Hafenbetrieb. Wenn man diese Betriebe jetzt für ganz viel Geld umsiedeln wird, dann werden auch immer Arbeitsplätze verloren gehen. Diese Umsiedlung wird sich nicht lohnen für Hamburg. Ein Stadion für Leichtathletik, wer soll das denn nach Olympia noch nutzen? Und auch der Rückbau – wir haben schon genug Stadien für 20.000 Menschen. Der Bedarf ist einfach nicht da.“

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Ob sich Hamburg überhaupt so ein Projekt zutraut, ist die nächste Frage. Schließlich gebe es mit der Elbphilharmonie schon ein solches Mammutprojekt in der Stadt.

Gräfin von Hardenberg (FDP-Fraktion) kann die Bedenken verstehen: „Die Furcht ist ja berechtigt. Aber die Elbphilharmonie wird nächstes Jahr fertig, da steht der Termin jetzt fest. Aber ihr müsst mal eins überlegen. Diese Stadt ist eine wachsende Stadt. Wenn immer mehr Menschen kommen, brauchen wir auch neue Arbeitsplätze. Und die Hauptarbeitsplätze für Hamburg sind der Hafen und der Tourismus. Die Bilder, die durch Olympia um die Welt gehen werden, werden Hamburg einen großen Aufschwung geben.“ Armita Kazemi (Vertreterin der SPD-Fraktion) ergänzt: „ Und diese 1,2 Milliarden sind schon extrem negativ gerechnet. Wir haben den Finanzreport, der uns zeigt, dass unglaublich weit jetzt schon gerechnet wurde. Wir haben eine Inflationsrate eingerechnet, sodass die Gefahr einer Kostenexplosion wirklich kaum da ist.“

Und immer wieder kam die Frage nach der Flüchtlingskrise auf: „Wo sollen denn all die Flüchtlinge hin, die wir hier in Hamburg aufgenommen haben? Die wollen auch Wohnungen haben.“

Thomas Kreuzmann von der CDU-Fraktion sieht die beiden Punkte nicht im Konflikt zueinander: „Der Hamburger Haushalt besteht dieses Jahr aus ungefähr 11,4 Milliarden Euro. Diese 11 Milliarden Euro, die für Bildung, Wohnraum usw. genutzt werden, sind auch für die Flüchtlinge da. Das Flüchtlingsproblem momentan liegt nicht am Geld, es gibt einfach ein Flächen- und Platzproblem. Die Ausgaben für die Flüchtlinge ändern sich durch Olympia überhaupt nicht.“

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Eine berechtigte Angst nach den Terroranschlägen vom Wochenende in Paris besteht: „Besteht durch Olympia nicht die Gefahr, dass wir auch einem Terroranschlag ausgesetzt werden?“

Armita Kazemi (Vertreterin der SPD-Fraktion) ist gerade deswegen für Olympia: „Klar, wir können jetzt sagen, nie wieder Großprojekte. Die Frage ist doch, wollen wir uns jetzt von Angst leiten lassen? Ich sage, jetzt erst recht. Wir werden uns nicht von dem Terror leiten lassen. Die Bundeswehr darf im Inland nichts machen, das gibt unser Grundgesetz gar nicht her. Aber 100% Sicherheit wird es niemals geben, egal für was. Das ist das einzige, was sicher ist.“ Sonja Lattwesen von den Grünen fügt hinzu: „Wenn die Terrorgefahr in neun Jahren immer noch so hoch ist, dann müssen wir eben auch die Vorsichtsmaßnahmen verschärfen. Wichtig ist dabei, dass wir unserer Grundrechte behalten.“

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Die zweite Schule am heutigen Tag ist das Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium. Ca. 250 Schülerinnen und Schüler erwarten uns in der Aula der Schule.

Auch hier haben die Schüler viele Fragen. Die erste Frage kommt direkt von einer Schülerin: „Inwieweit ist es sinnvoll, die Stadtentwicklung und die Infrastruktur auf einen kleinen Stadtteil (Kleiner Grasbrook) auszurichten. Werden davon genügend Menschen profitieren?“

Philipp Heißner (Vertreter CDU-Fraktion) antwortet: „Die Antwort darauf ist natürlich nein, es ist nicht sinnvoll. Aber das hat ja auch keiner vor. Es werden doch viele Sportstätten in Hamburg entstehen und saniert werden. Und 8000 Wohnungen, die auf dem Kleinen Grasbrook entstehen werden, entlasten ja auch die anderen Stadtteile und davon haben ja alle was.“ Carola Ensslen von STOP Olympia hat große Zweifel: „Ich bin auch der Meinung, dass viel zu viele Ressourcen auf den Kleinen Grasbrook liegen werden. Wir geben unsere Planung ja auch an den IOC ab, das halte ich nicht für gut. Wir sollten selber gucken, was für eine Stadtentwicklung wird hier brauchen und uns diese nicht aufdrängen lassen.“

Die Frage nach dem allgemeinen Sinn kam auf: „Warum braucht man ein Großprojekt für den Ausbau der Sportstätten? Warum geht es nicht auch so? Müssen wir am Ende eine Kostenexplosion erwarten?“

Heike Sudmann von der Faktion Die Linke sieht das ähnlich: „Es wurde jetzt gesagt, dass man aus der Elbphilharmonie gelernt wurde. Jetzt wurde ein Puffer von 40% aufgerechnet auf die geplanten Kosten. In dem Finanzreport, der veröffentlicht wurde steht aber, dass in den bisherigen Städten Olympia durchschnittlich 60% teurer wurde. Da ist dann ja schon mal durchschnittlich 20% zu wenig berechnet. Das zeigt ja schon, dass es überhaupt nicht sicher ist, dass es keine Kostenexplosionen geben wird.“

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Eine Schülerin fragt nach der möglichen Mietentwicklung. Ob die Mieten durch Olympia steigen würden?

Uwe Giffei von der SPD-Fraktion glaubt an einen anderen Grund möglicher Mietsteigerungen: „Wir haben ein unglaubliches Investitionsprogramm vor uns, wenn wir uns für Olympia entscheiden. Für 1,2 Milliarden Euro, die wir zahlen würden, würden 6,2 Milliarden noch vom Bund dazu bekommen. Und Hamburg ist eine attraktive Stadt. Durch die Flüchtlinge, die jetzt gekommen sind, gibt es natürlich noch mehr Menschen, die eine Wohnung suchen. Der einzige Schlüssel, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken ist, Wohnungen zu bauen. Das machen wir jetzt schon. Wir bauen jetzt schon 6000 Wohnungen jährlich neu. Dass die Mieten steigen in der Zukunft halte ich leider für eher wahrscheinlich, aber nicht wegen Olympia, sondern wegen der Attraktivität der Stadt.“

Hamburg bewirbt sich ja nicht nur für die Olympischen Spiele, sondern auch für die Paralympischen Spiele. Dazu kam die Frage auf: „Hilft uns Olympia barrierefreier zu werden? Und passiert der Ausbau nur dann, wenn die Spiele nach Hamburg kommen?“

Anna Gallina (Die Grünen) entgegnet: „Also dass die Stadt barrierefrei werden soll, sehen wir wohl alle hier so. In den letzten Jahren wurden jetzt schon viele S-Bahnstationen barrierefrei gebaut. Das ist ein Meilenstein für unsere Stadt. Und durch die Sanierung und den Neubau der Sportstätten, die alle barrierefreie werden sollen, würden wir ganz viel für die Menschen leisten, die diese Hilfen in Anspruch nehmen müssen. Und ich bin mir sicher, dass durch Olympia das alles stark beschleunigt werden wird.“

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Ein großes Thema, was die Schülerinnen und Schüler beschäftigt, ist die Sicherheit für Hamburg durch Olympia: „Muss ich Angst haben, wenn Olympia nach Hamburg kommt?“

Anna Gallina von den Grünen noch einmal dazu: „Also ich glaube, dass wir uns von diesen Terroranschlägen, die jetzt gerade so aktuell sind, nicht einschüchtern lassen dürfen. Wir müssen unser Leben weiterleben dürfen, genauso wie wir möchten. Das Sicherheitskonzept für Olympia steht aktuell noch nicht fest. Es gibt aber eine Haltung, die wir von den Grünen auch auf jeden Fall teilen. Es soll keine flächendeckende Videoüberwachung geben und keine Bundeswehreinsätze in der Stadt. Wir wollen ein Sicherheitskonzept das die freiheitlichen, demokratischen Werte der Stadt repräsentiert. Carl-Edgar Jarchow von der FDP-Fraktion ergänzt noch allgemein: „ Wenn man gerade über die innere Sicherheit für Hamburg spricht, muss man auch ehrlich sagen, dass man noch nicht weiß, was in neun Jahren sein wird und wie da das Sicherheitskonzept sein wird.“ Heike Sudmann von der Fraktion Die Linke sagt dazu abschließend: „Wir wollen, dass alle Menschen die gleichen Rechte haben. Und ich finde, dass wir diese Terroranschläge jetzt auf keinen Fall als Argumentation für oder gegen Olympia nutzen dürfen.“

Die Angst vor der Kostenexplosion ist zu spüren: „Haben wir nicht das Problem, wenn es später teuer wird, dass wir als Stadt das Geld zahlen müssen?“ Carl-Edgar Jarchow von der FDP-Fraktion will beruhigen: „ Also wir würden die Bewerbung sofort stoppen, wenn wir merken, dass die Gelder vom Bund weniger wären oder unsere 1,2 Milliarden nicht ausreichen. Hamburg zahlt 1,2 Milliarden Euro, mehr nicht. Das steht fest.“

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Die letzte Schule für heute ist die Senator Berufsschule für Pflege. Im Vergleich zu den vorherigen Schulen erwarten uns hier nur relativ wenige, ca. 55 Schüler. In diesem kleinen Rahmen können einzelne Beispiele natürlich besonders gut besprochen werden. Die erste Frage kommt vom Moderator: „Da steht jetzt ja gerade so eine Hütte an der Elbe. Warum sollte man sich jetzt noch ein weiteres Großprojekt aufhalsen?“

Carl-Edgar Jarchow von der FDP-Fraktion: „Die Dinge, die mit der Elbphilharmonie passiert sind, sind ja richtig. Aber dann stellt sich ja die Frage, ob man, weil es jetzt einmal ordentlich schief gelaufen ist, nie wieder so ein Großprojekt geben soll. Festhalten sollte man aber, dass es noch nie so früh so eine Entscheidung mit der Bevölkerung gegeben hat. Und auch der Kostenreport wurde noch nie so früh so ausführlich berechnet. Ich glaube, dass wir zu dem jetzigen Zeitpunkt sehr konservativ gerechnet haben. Aber wie die innere Sicherheit in neun Jahren aussehen wird und dann kosten wird, kann man jetzt einfach nicht sagen. So ehrlich muss man sein. Aber an sich ist der Kostenreport wirklich gut gerechnet.“

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Eine Schülerin möchte wissen, was sie selbst ganz speziell von Olympia hat. Und ob sie sich in neun Jahren überhaupt ein Ticket für Olympia leisten könne.

Antonia Niecke (Vertreterin CDU-Fraktion) sieht die positiven Aspekte: „ Es ist eine komplette Chance, die ja nicht nur für die 14 Tage Olympia da ist. Wir stecken sehr viel Geld in die Infrastruktur. Hamburg wird nachhaltig und langfristig modernisiert und ausgebessert. Die Stadt wir durch Olympia barrierefrei, es kommen zusätzlich 8000 neue Wohnungen. Also ich finde, es sind viele tolle Aspekte, die wir hier durch Olympia hätten. Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) hakt da ein: „Es ist ein schräges Bild, wenn die Stadt sich hinstellt und sagt, nur durch Olympia kriegen wir eine bessere Infrastruktur, neue Wohnungen, eine barrierefreie Stadt. Und es ist doch ein trauriges Bild für die Stadt, dass sie sagt, dass es ohne Olympia nicht möglich ist. Wir müssen jetzt Wohnungen bauen und nicht für Olympia in neun Jahren.“ Patrick Martens von der SPD-Fraktion ergänzend zu Antonia Niecke: „Es werden Spiele für alle sein. Es gibt vier Preiskategorien. Das günstigste Ticket kostet schon 20 Euro, also kann man sich das auf jeden Fall leisten. Und da Deutschland das Gastgeberland ist, bekommen wir auch das höchste Kartenkontingent. Deswegen könnt ihr euch auf jeden Fall auch eine Karte leisten.“

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Eine Schülerin möchte wissen: „Warum die Fläche beim Kleinen Grasbrook? Warum nimmt man keine freie Fläche für Olympia?“

Patrick Martens von der SPD-Fraktion erklärt: „Die Firmen und Unternehmen, die dort momentan angesiedelt sind, werden an einen neuen Platz umgesiedelt. Da braucht man sich keine Sorgen machen, dass sie einfach verdrängt werden. Sie bekommen sehr gute Angebote für ihre neue Unterbringung. Auf dieser Fläche werden 8000 neue Wohnungen entstehen. Es wird ein komplett neuer Stadtteil für Hamburg entstehen. Das hat einfach einen enormen Nutzen“

Eine weitere Frage: „Für wen sind denn die 8000 Wohnungen da am Kleinen Grasbrook?“

Olaf Duge von den Grünen erläutert: „ Es gibt 1/3 Mietwohnungen, 1/3 Eigentumswohnung und 1/3 sozial geförderten Wohnraum. Es ist nicht förderlich, 100% sozial geförderten Wohnraum zu bauen, man braucht die Durchmischung. Sonst kommt es schnell zu einer Gettoisierung. Und das wollen wir nicht mehr.“ Horst Domnick von STOP Olympia sieht ein allgemeines Problem beim Kleinen Grasbrook: „Es wurde gesagt, in dem Tempo, in dem dieser neue Stadtteil erbaut werden soll, ist viel zu schnell. Stadtplanung läuft einfach ein bisschen anders ab. Wir sehen das doch an der Hafencity. Wir gehen da gerne mal hin und skaten da vielleicht, aber wohnen tun wir da nicht. Und das wird auch beim Kleinen Grasbrook so sein.“