Küstenkinder

In Mecklenburg-Vorpommern waren mit durchschnittlich 75 Teilnehmern pro Veranstaltung vor allem die Speeddatings ein großer Erfolg. Tolle Beiträge trotz letzter (ausgesprochen warmer) Schulwoche! Wir waren in vier Landkreisen unterwegs und haben dort vor allem die intensiven Gespräche gesucht. Und wer hätte es gedacht: Nachher sind tatsächlich einzelne Schülerinnen und Schüler auf uns zugetreten und haben sich bedankt. Es sei viel besser gewesen als erwartet und hätte Spaß gemacht. Das erste Feedback von den Schulen ist ebenso euphorisch. Dass wir so gut ankommen hätten wir nicht gedacht. Auch die Gäste waren beeindruckt – vor allem von den Jugendlichen.

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Anne, 18, aus Bad Doberan meinte nachher zu uns: „Obwohl ich mich sonst nicht so für Politik interessiere: Das hier hat mir gefallen. Echt gut gemacht!

Vor Beginn der Diskussion schätzen wir mit den Lehrern ein, wie das Publikum heute in Form sein könnte und ob sie etwas mehr Aktivierung brauchen. Im klassischen Podium kann man schnell viele Themen ansprechen und auch gut diskutieren, wenn das Publikum gut vorbereitet ist. Im anderen Fall, sehr frühe oder sehr späte Veranstaltung oder tatsächlich letzter Schultag vor Ferien oder Praktikum, bieten sich Kleingruppen an. Dort wird dann zunächst nur über ein Thema gesprochen, dafür dann sehr intensiv. Das ist räumlich aber nicht immer möglich.

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Mit Beginn der Diskussion werden Fakten zu Land und Wahl von der Moderation geliefert und das heutige Format erläutert. Es gibt ein kurzes Warm-up und wenn das Publikum wach ist, werden Themen gesammelt. Per Applaus wird dann darüber abgestimmt, welche drei Themen final behandelt werden. Danach starten die Kleingruppen oder die Podiumsdiskussion.
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Wenn wir in Kleingruppen arbeiten, gibt es ein Speed-Dating, bei dem die Podiumsgäste durch die Gruppen wechseln. Nach spätestens 60 Minuten kommt man wieder im Podium zusammen und die wichtigsten Ergebnisse und Konfliktlinien werden besprochen.
Nach der Diskussion stehen die Gäste dann noch für Einzelgespräche zur Verfügung. Das wird vor allem von älteren Schülern sehr gerne genutzt und auch Kontaktdaten direkt ausgetauscht.

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Eingeladen waren die Jugendorganisationen der im Landtag vertretenen Parteien bis auf die der NPD. Das hat mehrere Gründe, unter anderem weil wir nicht finden, dass an den Schulen in M-V „Umerziehung“ stattfinde. Das muss sich kein „linker Pauker und Spießer in den Schulen“ (Zitate Sebastian Richter) vorwerfen lassen. Dabei waren also die Junge Union, die Linksjugend Solid, die Grüne Jugend und die Jusos in der SPD. Hauptsache: Jung, engagiert, Ahnung von der Landespolitik und den eigenen Zielen, klare Sprache und ein offenes Ohr für die Anliegen der Jugendlichen.

Die Themen konnten sich die Schüler immer selbst aussuchen. Dauerbrenner waren die gleichgeschlechtliche Ehe, Mobilität in M-V, Legalisierung von Cannabis, Umweltschutz und Wahlrecht ab 16. Flucht und Asyl war in Vorpommern Thema, in Mecklenburg weniger.

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In diesem Bild merken die Jugendlichen an, dass sie sich gern auch direkt mit Vertreterinnen und Vertretern der AfD auseinandergesetzt hätten. Wählerwille darf nicht ignoriert werden. Dieser wird per Wahl festgestellt. Darüber setzen wir uns nicht hinweg. An Umfragen dürfen wir uns nicht orientieren.

Wir arbeiten streng nach Beutelsbacher Konsens und versuchen nicht nur vor den Wahlen geile Diskussionen zu machen und kontroverse Themen auch kontrovers darzustellen – und wer im Parlament sitzt, mit dessen Vertretern setzen wir uns auch auseinander. Die Positionen haben wir versucht klarzustellen und die Äußerungen der Podiumsgäste dort, wo ein Ungleichgewicht im Podium zu spüren war, entsprechend eingeordnet. Unsere Podiumsgäste genauso engagiert wie ehrenamtlich. Kleinere Organisationen haben da große Probleme, alle Podien zu besetzen. Großen Respekt vor allem an die, die uns so häufig begleitet haben.

Die Jugendlichen haben eine eigene Meinung, aber nicht immer eine eigene Stimme. Die allermeisten finden Wahlrecht ab 16 eine gute Sache, Legalisierung von Cannabis hatte bei uns auch Zustimmungsquoten von 80-85%. Harte Drogen sollten nicht legalisiert werden, da waren sich (bis auf Einzelne) alle im Publikum einig. Die Gleichstellung von homo- und heterosexuellen Paaren wurde bei allen Diskussionen von den Jugendlichen als selbstverständlich wahrgenommen.

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Uns werden viele Momente in Erinnerung bleiben. Die Förderschule Behrenhoff, als gefühlt tausend Fragen gestellt wurden, so schnell, dass wir gar nicht alles beantworten konnten. Die Geschwister-Scholl-Schule in Wismar, als wir nachher noch eine knappe Stunde in eine Diskussion mit Schülerinnen und Schülern verwickelt wurden. Das Greiffen-Gymnasium in Ueckermünde, in dem wir einige Laufmeter zwischen den Räumen zurücklegen konnten während der Speeddatingphase. Die fairen, aber deutlichen Meinungsunterschiede auch innerhalb von Schülern in Anklam. Die engagierten Fragen und auch die inhaltlichen Beiträge aus dem Publikum. Die Anmerkung einzelner Jugendorganisationen zur sogenannten „Komma fünf“ – Regelung zur Auf- und Abrundung von Noten: „Das Thema ist uns neu. Das nehmen wir mit. Danke“. Und immer wieder der Hinweis: „Wenn ihr euch schon aufregt, dann da, wo es die Leute interessiert!“.  160711 Große Stadtschule Geschwister-Scholl-Gymnasium Wismar6