„Letzte Reihe? Nee, ich will ja auch was mitkriegen!“

Letzte Reihe? Nee, ich will ja auch was mitkriegen!“, meint ein Schüler beim Reingehen und setzt sich nach vorne. Guter Start in der Rudolf-Steiner-Schule Harburg und auch sonst machen die 170 Schüler einen aufgeweckten und interessierten Eindruck.

Es geht auch sofort los: „Müssen wir Olympia so groß machen? Kann man das nicht auch kleiner machen und Sportstätten nutzen, die wir schon haben?“

Sören Schumacher (SPD-Fraktion) erklärt: „Das tun wir ja schon. Wir wollen hier hinterher keine Olympia-Ruinen. Bei jeder Sportstätte haben wir jetzt schon eine Idee: was passiert nach den Olympischen Spielen damit? Hier investieren wir schon in unsere Zukunft!“ Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) ist der Meinung, der Sport hätte nicht viel von Olympia: „Das wird hier ja immer sehr emotionalisiert, aber der Sport steht immer hinten dran. Es stimmt nicht, dass der Breitensport insgesamt durch die Bewerbung profitiert, sondern dass zentral auf dem Kleinen Grasbrook gebaut wird.“

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Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) sieht das anders: „Viele Sanierungen, die wir für Olympia machen, wären ohnehin fällig. Deshalb ist das eine riesen Chance, das jetzt mit Olympia zu machen. Sowas kostet halt Geld. Olympia soll 11,2 Milliarden kosten und wir zahlen nur 1,2 Milliarden davon. Da kommt Geld nach Hamburg, das wir ohne Olympia nicht hätten. Ohne Olympia wären die Sportstätten halt nicht 2024 saniert, sondern vielleicht erst 2030 oder noch später.“

Auch in Bezug auf die Finanzierung haben die Schüler Sorgen: „11,2 Milliarden soll das Ganze kosten, Sie sagten, Hamburg zahlt davon 1,2 Milliarden und den Rest der Bund. Aber da haben wir doch gerade eine Absage bekommen?“

Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) korrigiert: „Eine konkrete Absage haben wir nicht bekommen, im Moment warten wir noch auf eine verbindliche Aussage, die soll bis Februar kommen. Aber das hat Olaf Scholz ja klar gesagt: wenn die Zuschüsse aus Berlin nicht kommen, dann wird es keine Olympischen Spiele in Hamburg geben, egal, wie das Referendum im November ausfällt.“

Warum brauchen wir unbedingt Olympia, um unsere Stadt auszubauen und zu sanieren?“, will ein Schüler wissen. Da verstehe er den Zusammenhang nicht. Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) stimmt zu: „Das stimmt, selbst wenn wir die Zuschüsse vom Bund kriegen, 1,2 Milliarden sind immer noch eine Menge Geld für Hamburg, das wir auch gut woanders brauchen können.“ Philipp Heißner (CDU-Fraktion) hat ein ganz anderes Problem: „Mich stört das immer, dass hier keiner über den Sport redet. Auch die Paralympischen Spiele, dass wir sowas in Hamburg überhaupt möglich gemacht werden kann, das ist doch toll! Klar gibt es Herausforderungen, aber da arbeiten wir dran. Da können wir richtig was draus machen.“

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Eine Schülerin will wissen: „Warum muss erst Olympia kommen, damit Menschen mit Einschränkungen sich an unseren Bahnhöfen bewegen können?“

Horst Domnick (STOP Olympia) nickt: „Das kann ich auch nicht ganz verstehen, die Inklusion von körperlich eingeschränkten Menschen ist doch sowieso eine Aufgabe, die wir hier in Hamburg haben. Wir sind für Sport, wir sind für Integration. Aber die Spiele, die hier in Hamburg gemacht werden sollen, die sind nichts davon. Die sind ein knallhartes Geschäft.“ Murat Gözay (Die Grünen) erklärt: „Es geht hier ja um eine Beschleunigung. Mit Olympia können wir die Barrierefreiheit einfach früher umsetzten als ohne Olympia. Es geht hier doch auch um Visionen für die Zukunft. Wir möchten Hamburg wirklich vorantreiben in der Welt. Und wir geben euch ja am 29. November die Möglichkeit zu sagen, „Ja, wir wollen die Olympischen Spiele“ oder „Nein, wir wollen die Olympischen Spiele nicht“. Danach richten wir uns dann auch.“

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Im Publikum gibt es Beschwerden: „Die Werbung, die für Olympia gemacht wird, das ist ja keine richtige Aufklärung. Da wird ja nicht richtig informiert.“ Eine Information interessiert die Schüler besonders: „Es wird ja immer gesagt, wir wollen 200 Millionen pro Jahr für Olympia sparen. Aber wie viel Geld hat Hamburg eigentlich so generell?“

Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) antwortet: „Hamburg hat einen jährlichen Haushalt, der beläuft sich immer auf 10-12 Milliarden pro Jahr. Davon ist ein großer Teil schon gebunden, zum Beispiel auch im Bereich Bildung. Aber die 200 Millionen können wir trotzdem ohne Probleme zurücklegen.“

Ein anderes Thema ist die momentane Flüchtlingssituation: „Es wird ja immer gesagt, wir haben kein Geld und kein Platz für die Flüchtlinge. Und dann wird aber plötzlich der Kleine Grasbrook freigemacht für Olympia? Sollte man sich denn nicht erstmal um soziale Aspekte wie die Flüchtlingssituation kümmern? Warum können wir nicht direkt Wohnungen für die Flüchtlinge bauen?“

Murat Gözay (Die Grünen) entgegnet: „Das ist ja völlig unabhängig von Olympia. Auch wenn Olympia nicht kommt, werden wir uns um die Flüchtlinge kümmern. Ich kann auch nicht in die Zukunft sehen, aber ich bin der festen Überzeugung, dass Hamburg die Olympischen Spiele deutlich besser ausrichten können, als die anderen Bewerberstädte.“ Sören Schumacher (SPD-Fraktion) ergänzt: „Unabhängig von den Flüchtlingen baut Hamburg 6000 Wohnungen pro Jahr. Jetzt mit den Flüchtlingen reicht das natürlich nicht, da müssen mehr gebaut werden. Dafür werden wir noch mehr Wohnungen bauen. Olympia beeinflusst das alles nicht, Olympia gibt uns einfach die Chance, nochmal zusätzlich 8000 Wohnungen zu bekommen, on top. Das ist doch super, wenn die einfach noch dazu kommen.“

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25 Tage, 52 Schulen. Die Max-Brauer-Schule mit ca. 50 Schülern ist die letzte Station der „It’s Your Choice“-Tour zum Olympia-Referendum.

Eine Schülerin macht den Anfang: „Was genau macht Sie so sicher, dass Olympia uns auch langfristig was bringt?“

Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) antwortet: „Ich respektiere das, wenn Leute sagen, ich finde Sport klasse und ich kann mir auch eine Eintrittskarte leisten. Das nehme ich ernst. Aber man muss sich ja auch mal mit der Realität beschäftigen. Wenn man sich seriös mit den Olympischen Spielen in der Vergangenheit beschäftigt, dann stellt man fest, dass die Olympischen Spiele immer teurer wurden als geplant. Und da reicht auch der Puffer nicht, der im Finanzplan mit drin sein soll. Anders als bei der Elbphilharmonie haben wir bei Olympia auch einen festen Zeitpunkt, an dem das fertig sein muss, da können die Baufirmen einen unglaublichen Druck auf die Stadt ausüben.“ Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) findet, dass Olympia ganz viel bringt: „Was bringt Olympia? Da wird ein ganz neuer Stadtteil entstehen. Für 1,2 Milliarden, die Hamburg investiert, bekommen wir hier Maßnahmen im Wert von 11,2 Milliarden!“

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Aber wenn die ganzen Wohnungen sowieso gebaut werden sollen, wozu brauchen wir dann Olympia?“, will ein Schüler wissen.

Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) entgegnet: „Ohne Olympia kommen wir ja an den Kleinen Grasbrook gar nicht dran. Dann bleiben die Unternehmen da und da ist dann kein Platz für Wohnungen. Außerdem geht Wohnungsbau mit den Zuschüssen für Olympia natürlich deutlich schneller.“

Horst Domnick (STOP Olympia) stören mehrere Punkte: „Hier geht es ja nicht nur um Kostensteigerungen, sondern auch um die geplanten Einnahmen. Die werden im Zweifelsfalle gar nicht so hoch, wie das hier eingeplant ist und dann bleiben wir auf den Kosten sitzen. Und dieser Stadtteil, den man uns da schenken will, da weiß keiner, wie der überhaupt angenommen wird. So einen Stadtteil kann man nicht mal einfach so hinschmeißen, da braucht man viel mehr Zeit, den zu planen, damit das auch gut wird. In der kurzen Zeit bis Olympia ist das nicht zu machen.“ Olaf Duge (Die Grünen) glaubt an Hamburg: „Wir haben bis 2024 Zeit, aus dem Kleinen Grasbrook was zu machen, das haben wir zum Beispiel mit Wilhelmsburg schonmal geschafft. Das zeigt, dass es möglich ist, auch ein bisschen größer zu denken. Wir sind mitten dabei, die Stadt umzubauen, wir müssen die Mobilität, den Verkehr verbessern. Man darf ja auch nicht denken, dass mit Olympia der Stadtausbau zu Ende ist, das geht danach noch weiter. Aber die Grundlage ist gelegt.“ Philipp Heißner (CDU-Fraktion) will noch loswerden: „Hier herrscht wirklich ein wirres Verständnis von der Finanzplanung zwischen Land und Bund. Die Kosten für Olympia sind ganz klar verteilt, da gibt es keine großen Überraschungen. Wenn der Bund nein zu der Finanzierung sagt, dann muss Hamburg nein zu Olympia sagen.“

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Die sozialen Aspekte kommen einem Schüler zu kurz: „Welchen sozialen Vorteil bringt uns Olympia wirklich?“

Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) versteht das auch nicht: „Also bis 2020 hat Hamburg eh ein Programm für Barrierefreiheit. Und ich finde es ziemlich schlimm, zu sagen, man braucht jetzt Olympia, um die Stadt barrierefrei zu machen. Barrierefreiheit ist eine Aufgabe, die Hamburg sowieso hat, dafür brauchen wir Olympia überhaupt nicht.“

Eine anderer Schüler hat die Terroranschläge aus der Vergangenheit im Kopf: „Wie sieht denn eigentlich das Sicherheitskonzept für Olympia aus, damit solche Anschläge wie jetzt in Paris oder in München nicht passieren?“

Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) glaubt, dass die Planung für die Sicherheit teuer wird als geplant: „Wir wissen nicht, wie die Sicherheitslage 2024 aussieht, aber es ist davon auszugehen, dass wir mit den jetzt geplanten Zahlen zur Sicherheit nicht ausreichen werden.“ Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) widerspricht: „Stimmt, was in neun Jahren ist, kann man noch nicht abschätzen. Aber wir sammeln ja schon Erfahrungen, zum Beispiel aus London und die WM 2009 haben wir auch gemacht. Danach richten wir unsere Planung dann auch.“

Die Schüler haben außerdem Sorgen, dass die Mieten in Hamburg nach Olympia steigen: „Mit Olympia soll ja viel teurer werden in Hamburg, zum Beispiel die Mieten. Das war doch auch in London so, wird das dann hier auch passieren?“

Olaf Duge (Die Grünen) beruhigt: „Das wird oft mit London verglichen, aber das ist eigentlich Unsinn. London hat ein ganz anderes Mietkonzept als Hamburg. Ja, in London sind die Mieten gestiegen, aber das hat nicht primär was mit Olympia zu tun, das wird in Hamburg nicht passieren.“

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