Olympia: einige Gewinner und viele Verlierer?

Wir starten heute an der Stadtteilschule Helmut Hübener in Hamburg. Ca. 200 Schülerinnen und Schüler warten schon um gemeinsam mit den Podiumsgästen über das Olympiareferendum zu diskutieren.

Deniz Celik (Fraktion Die Linke) macht den Anfang: „Wir sind der Auffassung, dass Olympia einige Gewinner und viele Verlierer hervorbringen wird. Und wir werden zu den Verlierern zählen. Olympia kostet Unsummen und das werden wir dann bezahlen müssen. Für 16 Tage feiern wollen wir nicht so viel Geld ausgeben, wir wollen das lieber in die Hochschulen stecken oder in den sozialen Wohnungsbau. Außerdem werden die Mietpreise nach Olympia explodieren und ihr wollt dann doch auch nicht am Stadtrand wohnen, nur weil ihr euch keine andere Wohnung leisen könnt.“

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Ulrike Sparr (Die Grünen) hat durchaus Verständnis für eine gewisse Skepsis gegenüber so einem Großereignis: „Man muss natürlich die Risiken kennen, dann kann man auch dagegen arbeiten. Wenn Olympia kommt, dann werden wir das Geld vom Bund nutzen können. Für unsere Straßen, für unsere Sporthallen und Vereine. Auf der Fläche auf dem Kleinen Grasbrook werden 8000 Wohnungen gebaut, die sind ja auch nach Olympia noch da. Deshalb sehe ich auch nicht so sehr die Gefahr, dass die Mieten dann ansteigen.“ Armita Kazemi (Vertreterin der SPD-Fraktion) fügt hinzu: „Was gerade für uns jüngere Menschen wichtig ist, ist die Tatsache, dass Olympia auch Arbeitsplätze schafft und das nicht nur für 16 Tage. Die ganzen Stadien müssen gebaut und saniert werden, da werden auch nachhaltig Arbeitsplätze geschaffen. Wenn Hamburg international bekannter wird, dann kommen auch mehr Unternehmen nach Hamburg, da sind dann auch wieder Arbeitsplätze für uns.“

Carsten Ovens (CDU-Fraktion) ist schon ein bisschen genervt: „Die Olympiagegner machen es sich ja auch sehr einfach. Wenn einem keine Argumente mehr einfallen, einfach mit einem großen ‚Dagegen‘-Schild durch die Stadt rennen, das macht natürlich Sinn. Jetzt mal ehrlich: Olympia ist nicht nur ein kommerzielles Ereignis, Olympia ist Integration! Wir sprechen viel zu selten über die Paralympischen Spiele, die ja dann auch zu Olympia gehören. Das kann man nicht einfach so wegschieben.“

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Die Frage, ob Hamburg Olympia braucht, um in der Welt bekannter zu werden, verneint Deniz Celik (Fraktion Die Linke): „Hamburg braucht das nicht. Wir wollen keine Global City, in der sich dann keiner von uns die Mieten und die Lebenshaltungskosten leisten kann.“

Armita Kazemi (Vertreterin der SPD-Fraktion) ist irritiert: „Auf der einen Seite werfen Sie uns vor, dass wir hier 16 Tage Party machen wollen, auf der anderen Seite sagen Sie, dass deshalb die Mieten steigen werden. Wegen 16 Tagen werden hier in Hamburg nicht nachhaltig die Mieten steigen. Das ist ein Märchen, das wird so nicht passieren. Wir werden einen komplett neuen Stadtteil haben, den wir ohne Olympia nicht kriegen würden. Ohne Olympia würde da die Hafenwirtschaft bleiben, dann wäre kein Platz für neue Wohnungen.“ Ulrike Sparr (Die Grünen) fügt hinzu: „Nochmal zur Rechenschwäche der Olympiagegner. Sie haben gesagt, 1/3 der Menschen seien auf Sozialleistungen angewiesen. Von den neuen Wohnungen werden 1/3 Sozialwohnungen sein. Das passt doch, oder?“

Rainer Behrens (STOP Olympia) stellt eine grundsätzliche Frage: „Ist der Kleine Grasbrook denn überhaupt ein lohnender neuer Stadtteil? Das haben wir uns gefragt und da kam raus, dass das quasi eine zweite Hafencity wird. Das wollen wir nicht. Mal zu den Kosten: Hamburg hat gesagt, dass es nur 1,2 Milliarden Euro übernehmen kann, das ist illusorisch, das wird so nicht funktionieren. Und hinterher steigen die Kosten und es wird teurer auszusteigen, als einfach weiter zu machen. Da legt man dann lieber noch ein paar Milliarden oben drauf. Der ganze Finanzplan ist keine richtige Kalkulation, das muss man wissen, das sind alles Schätzungen. Der Zukunftsrat der Stadt Hamburg hat übrigens vor zwei Wochen eindeutig gesagt, sie können eine Olympia Bewerbung nicht befürworten.“

Ein Schüler ist skeptisch: „Sie haben gesagt, Sie wollen Pläne für die Infrastruktur machen, aber haben Sie sich das mal angeguckt? Wie genau sehen diese Pläne denn aus?“

Carsten Ovens (Vertreter der CDU-Fraktion) erklärt: „Wir werden insgesamt eine neue U-Bahn Linie bauen und auch zum Kleinen Grasbrook hin wird die Infrastruktur natürlich ausgebaut. Wir haben Pläne, auf denen sehr detailliert aufgezeichnet ist, was wo hin soll, Standorte von Architekturbüros sind da z.B. auch mit drauf.“ Deniz Celik (Fraktion Die Linke) versteht nicht, warum es nicht auch ohne Olympia geht: „Die U-Bahn Linie, die Sie da gerade angeführt haben, die wird übrigens auch ohne Olympia gebaut. Und auch bei den anderen Projekten frage ich mich: Wieso brauchen wir da Olympia für? Das stört mich, dass das alle immer sagen. Mit oder ohne Olympia, wir haben die Verantwortung an diesen Punkten zu arbeiten.“

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Auch ein weiterer Schüler glaubt dem Versprechen bezüglich der Finanzierung nicht so richtig: „Was passiert, wenn wir über die geplanten 1,2 Milliarden hinausgehen? Das haben wir ja bei der Elbphilharmonie gesehen, wie gut, dass geklappt hat.“

Carsten Ovens (Vertreter der CDU-Fraktion): „Du hast recht, bei der Elbphilharmonie ist einiges schiefgelaufen und das ist Mist. Aber wir haben daraus ja auch gelernt. Wir haben andere Großprojekte wie das UKE, die wie geplant rechtzeitig fertig geworden sind und auch nicht teurer als geplant geworden sind. Außerdem bin ich überzeugt: wenn es ein Land auf der Welt gibt, dass so eine Großveranstaltung ordentlich und vorausschauend planen kann, dann ist es Deutschland!“ Deniz Celik (Fraktion Die Linke) sieht das anders: „Ok, sehen wir mal von der Elbphilharmonie ab. Aber wenn wir mal nach Berlin schauen, dann sehen wir dass das da wieder nicht geklappt hat mit dem Flughafen. Ich glaube nicht, dass Deutschland in der Lage ist, Olympia zu planen und dann am Ende nichts teurer wird.“

Eine Schülerin möchte wissen, was mit dem Kleinen Grasbrook passiert, wenn Olympia nicht nach Hamburg kommt und ob dort dann auch Wohnungen gebaut würden. Ulrike Sparr (Die Grünen) verneint: „Das ist ja im Moment Hafenfläche, da werden in erster Linie Autos gelagert. Für Olympia wird diese Fläche freigegeben. Auf dem Kleinen Grasbrook Wohnungen zu bauen wird uns ohne Olympia nicht gelingen. Für Olympia würden die Unternehmen dort die Fläche freigeben, einfach so tun die das aber nicht.“

 

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Gymnasium und Stadtteilschule Finkenwerder: insgesamt sind ca. 280 Schüler anwesend, das Podium ist mit Ausnahme der AfD-Fraktion voll besetzt.

Florian Kasiske (STOP-Olympia) macht den Anfang: „Man kann Steuergelder wirklich besser ausgeben, als für so ein Projekt wie Olympia. Es gibt sehr viele sinnvolle Sachen, für die wir dringend Geld brauchen und für die wir jetzt kein Geld haben.“

Die Schüler haben viele Fragen: „Es heißt ja, dass für Olympia keine Arbeitsplätze verloren gehen sollen. Aber was passiert mit den Unternehmen auf dem Kleinen Grasbrook, die dann umgelagert werden?“ Annkathrin Kammeyer (SPD-Fraktion) bestätigt: „Es ist in der Tat so, dass die Hafenwirtschaft umgesiedelt wird. Aber die Verhandlungen laufen da noch, die müssen dem Ganzen ja auch zustimmen. Ich denke nicht, dass bei der Umsiedelung Arbeitsplätze verloren gehen.“ Florian Kasiske (STOP-Olympia) denkt noch weiter: „Die Umsiedelung ist ja erst der Anfang. Es ist ja geplant, auf der Fläche das Olympische Dorf zu bauen. Das Problem ist: die Kosten dafür sind in dem Finanzplan noch gar nicht drin! Die Erfahrung aus anderen Städten zeigt ganz klar, dass die Olympischen Spiele immer teurer werden als geplant. Das kann sich Hamburg einfach nicht leisten.“

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Ein anderer Schüler möchte wissen, was nach den Spielen mit dem Olympia Stadion passiert. Dr. Stefanie von Berg von den Grünen betont nachdrücklich die nachhaltige Planung der Olympischen Spiele in Hamburg. Alle Sportstätten könnten auch nach den Olympischen Spielen genutzt werden. Annkathrin Kammeyer (SPD-Fraktion) meint zusätzlich: „Es gibt insgesamt nur drei Sportstätten die für die Olympia komplett neu gebaut werden.“ Florian Kasiske (STOP Olympia) hat da eine ganz andere Sichtweise: „Wir haben in Hamburg 1600 Sportstätten für den Breitensport und mindestens die Hälfte davon ist sanierungsbedürftig. Und dieses Argument, dass Sportstätten und U-Bahn Stationen für Olympia behindertengerecht ausgebaut werden. Das sollte unabhängig von Olympia sein, das sollten wir sowieso machen! Das ist hier ja fast schon Erpressung: wir kriegen Barrierefreiheit nur mit Olympia? Das geht nicht!“ Annkathrin Kammeyer (SPD-Fraktion) widerspricht: „Es ist ja nicht so, dass ohne Olympia nichts passiert. Wir bauen jetzt schon an barrierefreien U-Bahn Stationen. Der Unterschied ist, dass mit Olympia wahnsinnig viel Geld vom Bund in die Stadt kommt, der den Ausbau beschleunigen kann.“

Mehmet Yildiz (Fraktion Die Linke) kommt nochmal auf das Stadion zurück: „Das große Stadion ist gar nicht so nachhaltig, wie das hier dargestellt wird. So ein großes Stadion können wir in Hamburg nach Olympia gar nicht brauchen, das wird dann wieder zurück gebaut. Und das kostet auch wieder Geld.“

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„Kommt Hamburg überhaupt mit den ganzen Menschen klar, die dann hier her kommen? Die Straßen und Bahnen sind doch jetzt schon überfüllt!“ Dr. Stephanie von Berg (Die Grünen) stellt fest: „Ja, es wird voll.“ und fügt hinzu: „Genau dafür wird die Infrastruktur ja ausgebaut, das ist in der Planung mit drin. Die Stadt wird auch während Olympia frei sein.“

Eine weitere Frage bezieht sich auf die verschiedenen Aktionen der Olympia-Aktivisten: „Es gibt ja immer wieder Aktionen für und gegen Olympia. Die werden aber immer wieder von der jeweils anderen Seite gestört. Wie kann es sein, dass man sich da gegenseitig so blockiert?“

Florian Kasiske (STOP-Olympia) findet das Ganze gar nicht so schlimm: „Naja, davon kann man halten, was man will. Es ist ja nicht so, dass irgendwo massiv gestört wurde. Da haben die Befürworter dann ihre Olympischen Ringe aus Menschen gemacht, dann haben wir ein ‚No‘ davor gesetzt, dann haben die ein ‚W‘ dahinter gesetzt, dann haben wir daraus ‚No Olympia Worldwide‘ gemacht. Da hat aber keiner den anderen an seiner Aktion gehindert oder massiv gestört.“

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Die Frage, ob es bei den Olympischen Spielen nicht auch immer Korruption gäbe, beantwortet Dr. Kurt Duwe (FDP-Fraktion): „Bei allen Großveranstaltungen besteht die Gefahr der Korruption. Aber Hamburg hat ja schon von Anfang an gesagt: wir wollen keine Monster-Spiele, wir wollen nachhaltige, kleine Spiele. Und gerade deshalb ist es wichtig, dass wir uns bewerben, damit Olympia in einer Stadt stattfindet, die nicht an Korruption interessiert ist.“