Olympia-Ticket oder neuer Pc?

Montag morgen, 08:00 Uhr. Trotz der frühen Uhrzeit sitzen an die 200 Schüler und sechs Podiumsgäste in der Aula des Gymnasium Hochrad. Moderator Thomas Lerche wendet sich zunächst an Andreas Bernau (SPD-Fraktion): „Teilst du als Befürworter die Bedenken der Olympia-Gegner eigentlich?“ – „Natürlich teile ich die Bedenken. Und deshalb tun wir zusammen mit der Hamburgischen Bürgerschaft alles dafür, damit wir einen ordentlichen Plan für Olympia haben, der die Risiken mit einberechnet.“

Auf eine aktuelle Aktion angesprochen erklärt Johannes Müller (STOP-Olympia): „Die Unterschriftensammlung soll nochmal ein starkes Zeichen gegen Olympia setzen und zeigen, dass es eben auch Kritiker gibt. Die Kosten für Olympia werden enorm sein, sie verschlingen quasi einen Jahreshaushalt der Stadt Hamburg. Deshalb werden wir auch nach dem Referendum weiterhin Unterschriften sammeln, um Olympia zu verhindern.“ Auch Bijan Tavassoli (Vertreter der Fraktion Die Linke) ist gegen Olympia: „Die Kampagne löst einen unglaublichen Enthusiasmus aus, das finde ich toll. Aber eine Kampagne, die nur auf Enthusiasmus baut, ist gefährlich. Auf so was sollte man keine Wahlentscheidung bauen, das kann unsere Stadt in den Bankrott steuern.“

Benjamin Harders (Die Grünen) ist grundsätzlich für Olympia, allerdings nur unter einer Voraussetzung: „Die Spiele müssen unbedingt klimaneutral sein. Für den Klimaausgleich sind bisher nur etwa 30 Millionen Euro eingeplant und auch in dem Finanzplan sind noch nicht genügend Maßnahmen enthalten, wie wir z.B. den Klimaschutz mit berücksichtigen können. Das ganze Thema Naturschutz, Klimaschutz kommt und auch noch zu kurz in der Planung. Trotzdem bietet Olympia große Chancen und kann in vielen Bereichen viel bewegen!“

Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) erwähnt zusätzlich: „Wir sind die einzige Bewerberstadt, die überhaupt so ein Referendum macht, die überhaupt ihre Bürger fragt. Das macht sonst keine Stadt, die sich für Olympia bewirbt.“

Antonia Niecke (Vertreter der CDU-Fraktion) hat ein sehr gutes Bauchgefühl, dass Hamburg für Olympia stimmen wird: „Hier wurde schon gesagt, viele kennen gar nicht die Zahlen. Das stimmt auch, das sind die Leute von No-Olympia. Der Rest kennt die Chancen die Hamburg dadurch kriegt, wir können eine richtige Weltmetropole werden!“

DSC_0043

Die Flüchtlinge sind momentan ein großes Thema bei den Schülern: „Haben wir im Moment nicht andere Prioritäten als Olympia? Wir haben eine riesige Flüchtlingswelle, die auf uns zukommt, da können wir das Geld echt woanders ausgeben.“

Andreas Bernau (SPD-Fraktion) findet beide Themen wichtig: „Beim Thema Flüchtlinge sind wir uns glaube ich einig, dass wir als Stadt da was tun müssen. Wir müssen uns um die Leute kümmern und Wohnungen für sie bauen. Das geht aber auch mit Olympia, das geht sogar noch viel besser mit Olympia!“

in Schüler ist misstrauisch: „Sie haben gesagt, Hamburg bekommt Zuschüsse vom Bund. Aber die sind doch noch gar nicht bewilligt? Wird das nicht erst nach dem Referendum entschieden?“ Andreas Bernau (SPD-Fraktion) will beruhigen: „Wir haben ganz klar gesagt, Hamburg zahlt 1,2 Milliarden für Olympia und dann ist Schluss. Wenn ihr beim Referendum also für ‚Ja‘ stimmt und der Bund dann keine Zuschüsse gibt, dann wird es Olympia nicht geben.“

Bijan Tavassoli (Vertreter Fraktion Die Linke) hat noch nie neben so einem sympathischen Vertreter der Grünen gesessen wie heute und kritisiert gut gelaunt die Planung für Olympia: „Der Finanzplan passt hinten und vorne nicht. Das hat bei der Elbphilharmonie nicht geklappt, das hat beim Berliner Flughafen nicht geklappt. Selbst wenn das nur 10% mehr werden, ist das viel zu viel Geld, das kann Hamburg nicht stemmen. Unabhängig davon beruht der ganze Finanzplan noch gar nicht auf richtigen Fakten, das sind alles Schätzungen. Um Olympia zu finanzieren werden die Ticketpreise dann auch extrem hoch sein. Da könnt ihr euch dann aussuchen, ob ihr euch ein Ticket kauft oder einen neuen Computer. Die ganze Planung ist überhaupt keine solide Kalkulation.“

Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) ist langsam genervt: „Ich habe doch schon erklärt, wie dieses Geld sich zusammensetzt. Wir haben durch Olympia die Chance, einen großen Zuschuss vom Bund zu bekommen, der kommt dann den Flüchtlingen und auch uns allen zugute. Wenn wir in Hamburg Olympische Spiele haben, dann werden wir international viel viel bekannter sein, es werden neue Arbeitsplätze entstehen. Im Gegensatz zu den anderen Olympia-Städten vor uns, werden wir ein komplett positives Bild von Hamburg in die ganze Welt tragen. Auch die Preiskategorien für die Tickets stehen schon fest, die günstigsten gibt es für 20 Euro, da braucht Bijan hier gar nicht so zu tun, als wäre das unbezahlbar.“

Eine Testabstimmung am Ende der Veranstaltung zeigt bei den Schülern des Gymnasium Hochrad eine klare Mehrheit für Olympia.

DSC_0006

An der Stadtteilschule Stellingen sind sogar 300 Schüler und sieben Podiumsgäste anwesend. Ob das geplante Referendum denn zum richtigen Zeitpunkt käme, möchte Moderator Thomas Richter wissen. Stephan Jersch (Fraktion Die Linke) empfindet die Abstimmung als viel zu früh: „Der richtige Zeitpunkt für ein Referendum wäre, wenn man weiß, worüber man wirklich abstimmt. Man sieht im Moment noch gar nicht, welche Bauprojekte im einzelnen mit dem geplanten Budget überhaupt abgedeckt werden sollen.“ Detlef Ehlebracht (AfD-Fraktion) sieht das genauso, außerdem „muss Hamburg einen Vertrag mit dem IOC abschließen, dass Hamburg alle Risiken von Olympia alleine trägt. Das Referendum muss überhaupt noch gar nicht so früh gemacht werden, das wäre auch später gegangen.“

Ria Schröder (Vertreter der FDP-Fraktion) sieht das anders: „Es ist aber wichtig, dass die Bürger möglichst früh an der Sache beteiligt werden. Wenn Geld für die Bewerbung ausgegeben wird, aber alle Bürger dagegen sind, dann sollten wir das nicht machen. Wenn ihr am 29. November dagegen seid, dann hören wir auch damit auf, Geld für die Bewerbung auszugeben. Es gibt schon eine ganze Menge Informationen, es ist ganz wichtig, dass wir das Ganze planen, einen Finanzplan haben, damit das nicht ausufert.“

Ein Schüler möchte wissen: „Was bringt Olympia denn dem Einzelnen, was bringt mir persönlich Olympia?“

Dominik Lorenzen (Die Grünen) antwortet eher allgemein: „Was einem Olympia bringt, das muss am Ende jeder für sich selbst beantworten. Olympia kann ganz viele Vorteile für den Einzelnen haben. Es wird mehr Arbeitsplätze geben, die Tourismusbranche wird boomen, die Sportveranstaltungen kann man sich angucken.“

Auf eine vorangegangene Aussage von Detlef Ehlebracht (AfD-Fraktion), er wolle sich nicht von Flüchtlingen von Olympia abhalten lassen, fragt ein Schüler empört: „Ziehen Sie den Sport den Menschenleben vor?“

DSC_0086

Statt der AfD-Fraktion antwortet aber erstmal Andreas Bernau (SPD-Fraktion): „Bei der Flüchtlingsgeschichte ist das Geld gar nicht das Problem, das Problem sind die Flächen, die wir für die Wohnungen brauchen. Und die kriegen wir mit Olympia auf dem Kleinen Grassbrook.“ Dominik Lorenzen (Die Grünen) sieht das genauso und betont nochmal: „Es ist mir sowas von scheißegeal, was die Touristen denken, wenn sie hier sind. Wir müssen uns um die Flüchtlinge kümmern und das werden wir tun und es ist völlig egal, ob das dann hier schön für die Touristen ist.“ Philipp Heißner (Vertreter der CDU-Fraktion) will nochmal hervorheben: „Der Punkt, der da nicht verstanden worden ist, ist dass das eine jetzt ist und das andere 2024. Die Flüchtlingshilfe, das packen wir jetzt an. Ersthilfe, jedem ein Dach über dem Kopf besorgen, sicherstellen, dass jeder was zu Essen hat. Olympia hingegen hilft uns, die Situation langfristig zu verbessern. Für Olympia entstehen massenweise Wohnungen und eine riesige Infrastruktur. Das geht in dem Ausmaß ohne Olympia überhaupt nicht.“

Endlich antwortet auch Detlef Ehlebracht (Vertreter der AfD-Fraktion): „Selbstverständlich steht Olympia auch bei mir nicht vor allen Menschenleben. Ich rufe auch nicht unter allen Umständen ‚Hurra Olympia‘. Wenn wir uns bei den Kosten für Olympia verrechnen, dann haben wir nämlich das Problem, dass da eventuell in anderen Bereichen gekürzt werden muss.“

Ein so informiertes und munteres Publikum haben wir auf der Tour selten gesehen. Die Schüler haben schon im Vorfeld Fragen vorbereitet und wollen unbedingt alles loswerden, was sie beschäftigt. Die Testabstimmung am Ende zeigte eine Tendenz gegen Olympia an der Stadtteilschule Stellingen.

Podium Stadtteilschule Stellingen: Andreas Bernau (SPD-Fraktion), Philipp Heißner (Vertreter der CDU-Fraktion), Dominik Lorenzen (Die Grünen), Stephan Jersch (Fraktion Die Linke), Ria Schröder (Vertreter der FDP-Fraktion), Detlef Ehlebracht (AfD-Fraktion), Carola Ensslen (STOP Olympia).

DSC_0136

Letzte Schule für heute: an der Stadtteilschule Lurup diskutieren ca. 120 Schüler und sieben Podiumsgäste. 2024 – was passiert bis dahin? Die Podiumsgäste werden nach ihrem Idealbild bzw. ihrer Dystopie für Hamburg gefragt.

Olaf Duge (Die Grünen) stellt die Nachhaltigkeit in den Vordergrund: „Es ist für uns sehr wichtig, dass wir von Dingen wie solchen gigantischen Bauten absehen. Wir wollen die Stadt mit Olympia weiterentwickeln, wir wollen die Mobilität stärken und wir brauchen auch mehr Integration, gerade mit dem Hintergrund der Flüchtlingssituation. Dafür brauchen wir Sporteinrichtungen vor Ort und die können wir mit Olympia ausbauen.“

Das Idealbild von Heike Sudmann (Fraktion Die Linke) ist ohne Olympia: „2024 haben wir in meiner Vorstellung genug bezahlbare Wohnungen für uns alle. Und dafür brauchen wir Olympia nicht.“

DSC_0187

Ria Schröder (Vertreter der FDP-Fraktion) widerspricht nur bedingt: „2024 wird Hamburg natürlich auch ohne Olympia eine schöne Stadt werden. Aber mit Olympia haben wir schon 2024 Sachen in Hamburg, die wir sonst erst wesentlich später bekommen würden.“

Philipp Heißner (Vertreter der CDU-Fraktion) sieht zwei Szenarien: „Im ersten Szenario haben wir uns gegen Olympia entschieden, das ist ganz okay. Wir bauen ein paar Wohnungen, machen vielleicht ein bisschen was für die Infrastruktur. Ok. Dann gibt es noch das zweite Szenario. Da haben wir uns erfolgreich für Olympia beworben und dann haben wir nicht nur 1,2 Milliarden sondern dann haben wir über 11 Milliarden. Davon können wir wesentlich mehr Wohnungen bauen und unsere Infrastruktur extrem verbessern. Beide Szenarien sind möglich, aber das zweite wäre mir wirklich lieber, das wäre besser für die Stadt.“

Prof. Dr. Jörn Kruse (Vertreter der AfD-Fraktion) findet das zweite Szenario auch nicht schlecht, aber: „All das wird nur dann passieren, wenn sich die Kosten auch an den Plan halten und Olympia nicht deutlich teurer wird. Außerdem brauchen wir dafür auch die Zuschüsse vom Bund, ohne diese beiden Dinge geht Olympia einfach nicht.“

Horst Domnick (STOP Olympia) hat eine ganz klare Meinung: „Es sind keine Spiele die da durchgeführt werden sollen, es ist ein Olympisches Geschäft. Das IOC verdient daran und wir sollen das Ganze finanzieren. Das wäre dann wirklich eine Dystopie für Hamburg.“

 

DSC_0201