St. Pauli die Zweite und Leidenschaft am Albert-Schweizer-Gymnasium

Auf ein Neues: an der Beruflichen Schule St. Pauli gibt es so viele interessierte Schüler, dass wir die Schule heute ein zweites Mal besuchen.

Auf dem Podium gibt es einige krankheitsbedingte Ausfälle, lediglich Farid Müller (Die Grünen), Martin Dolzer (Fraktion Die Linke) und Horst Domnik (STOP Olympia) sind anwesend. Das tut der Diskussion jedoch keinen Abbruch.

Eine große Kontroverse gibt es zum Thema geplante Kosten und Finanzierung durch die Stadt Hamburg bzw. den Bund: „Dass wir die Olympischen Spiele zu zwei Dritteln bezahlen, ist ja lachhaft, wir sind ein Stadtstaat. Wir haben für die Olympia-Bewerbung ja auch einen Plan und der sagt: Hamburg first. Außerdem ist das keine Hamburger Bewerbung, sondern eine Bewerbung für ganz Deutschland!“ (Farid Müller, Die Grünen). Martin Dolzer (Fraktion Die Linke) glaubt nicht an den Finanzierungsplan: „Das Planungsszenario basiert auf völlig unklaren Daten. Die Spiele in London sollten auch nur 10 Milliarden kosten und am Ende waren es 30 Milliarden.“ Auch Horst Domnick (STOP Olympia) würde das Geld lieber in die Stadtplanung stecken als in die Olympischen Spiele: „Hamburg tut insgesamt viel weniger als andere Bundesländer. Wir müssen generell mehr tun und das nicht nur zu Olympia.“

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Die Olympia-Gegner kritisieren außerdem das geplante Olympia-Stadion. Es sei viel zu groß, man solle so planen, dass die vorhandenen Stadien genutzt werden können. Farid Müller (Die Grünen) sieht das anders: „So funktioniert das nicht, wir brauchen ein Stadion für Olympia, in das alle Besucher reinpassen. Das Stadion wird ja so gebaut, dass es hinterher leicht wieder verkleinert werden kann. Vorausschauende Planung – das verstehen wir unter Nachhaltigkeit.“ So leicht lassen sich die Schüler aber nicht überzeugen: „Nur weil das Stadion leicht zurück zu bauen ist, heißt das ja nicht, dass das sinnvoll oder günstig ist.“

Ein weiteres Problem sehen die Schüler in dem Punkt Umweltverschmutzung: „Ich habe das Gefühl, dass wir uns im Moment nur mit dem Hier und Jetzt beschäftigen, aber wir müssen auch ein bisschen vorausdenken. Wenn hier mehr Menschen her kommen, dann ist das ja auch eine Gefahr für die Umwelt, es wird zum Beispiel viel mehr Müll weggeschmissen.“ Farid Müller (Die Grünen) hat auch hierzu bereits einen Plan: „Wir wollen, dass der Kleine Grasbrook ein autoarmer Stadtteil wird. Es wird Fußgängerbrücken geben, alles soll zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichbar sein. Es wird ein richtiger Stadtpark mit Wohnungen entstehen, die nach den neuesten Energiestandarts gebaut werden.“ Martin Dolzer (Fraktion Die Linke) kann das nicht nachvollziehen: „Olympia widerspricht den Grundsätzen der Nachhaltigkeit völlig, es wird zum Beispiel einen enormen Materialverbrauch geben. Außerdem werden für ausreichende Sicherheitsmaßnahmen enorme Kosten entstehen.“

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Von den hohen Kosten sind auch die Schüler nicht begeistert: „Ist es jetzt wirklich so eine gute Idee, so viel Geld für Olympia auszugeben? Wäre es nicht schlauer, das Geld in die Flüchtlingshilfe zu investieren?“ Farid Müller (Die Grünen) ist der Meinung, dass beides möglich ist: „Wir haben letzte Woche beschlossen, in einem Schnellverfahren 5600 zusätzliche Wohnungen für die Flüchtlinge zu bauen. Schnelle Hilfe für die Flüchtlinge ist uns enorm wichtig und das ist unabhängig von den Olympischen Spielen oder dem Referendum Ende November. Hamburg ist eine weltoffene Stadt. Deshalb passt Olympia auch so gut zu uns. Es sind natürlich auch wahnsinnige Chancen damit verbunden. Mit Olympia kommen massenhaft Arbeitsplätze in die Stadt – auch für die Flüchtlinge.“ Martin Dolzer (Fraktion Die Linke) glaubt nicht, dass Hamburg Olympia und Flüchtlingshilfe gleichzeitig stemmen kann: „Die Stadt ist jetzt schon überfordert mit der Flüchtlingssituation. Wir sollten uns mehr darauf konzentrieren, eine Stadt für Menschen zu bauen und nicht für Investoren. Wir wollen kein Leuchtturmprojekt wie Olympia machen.“

Die abschließende Abstimmung ergibt ein interessantes Bild: die meisten sind für Olympia, einige dagegen und ein paar haben sich noch nicht entschieden. Bis zum 29. November haben die Schüler Zeit, sich eine Meinung zu bilden und ihre Wahlunterlagen abzuschicken.

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Mit ca. 430 Schülern ist die nachfolgende Veranstaltung am Albert-Schweizer-Gymnasium die bisher größte auf der „It’s Your Choice“-Tour zum Olympia Referendum. Auch auf dem Podium sind fast alle Stühle besetzt. Es fehlt lediglich ein Vertreter der CDU-Fraktion.

Bijan Tavassoli (Vertreter der Fraktion Die Linke) verleiht gleich am Anfang seiner Befürchtung Ausdruck, dass Olympia der Stadt und den Schülern nur Nachteile bringt. Darauf entgegnet Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion): „Eure Zukunft ist gesichert, wenn wir hier in Hamburg Olympische Spiele bekommen. Olympia ist eine große Chance, da geht ihr auf keinen Fall als Opfer hervor.“ Er fügt hinzu: „Wir wollen euch ja nicht verarschen. Wir holen uns Olympia und am Ende lachen wir, weil wir die Stadt in den Ruin getragen haben? Natürlich nicht! Das ist alles durchgerechnet und geplant.“ Rainer Behrens (STOP Olympia) glaubt, dass das Risiko bei der Finanzierung zu hoch ist: „Die sagen immer alle, das sei kalkuliert. Bis jetzt ist das bloß eine Idee. Es sind einfach nur Schätzungen und Plausibilitäten, die hohe Risiken enthalten.“ Dorothee Martin (SPD-Fraktion) stellt an dieser Stelle noch einmal klar: „Wir werden uns für Olympia keinesfalls ruinieren. Das möchte keiner von uns.“

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Auch der Wohnungsbau ist ein großes Thema bei den Schülern: „Sie haben ja gesagt, dass ein neues Wohnviertel entstehen soll. Aber warum braucht man dafür Olympia? Kann man die Wohnungen nicht einfach so bauen?“ Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) erklärt: „Natürlich können wir auch ohne Olympia Wohnungen bauen. Das würde sich aber in keinster Weise rentieren. Mit Olympia schaffen wir die finanziellen Mittel des Bundes nach Hamburg, um unsere Infrastrukturen auszubauen.“ Bijan Tavassoli (Vertreter der Fraktion Die Linke) merkt an dieser Stelle an, dass die Zuschüsse vom Bund noch gar nicht sicher zugesagt seien: „Der Bund sieht noch nicht ein, warum er für die Stadtentwicklung in Hamburg zahlen soll.“

Eine weitere Frage beschäftigte viele Schüler: „Warum haben wir es so eilig mit der Bewerbung? Warum bewerben wir uns nicht zu den nächsten Olympischen Spielen oder warten wenigstens, bis wir genauere Informationen haben?“ Bijan Tavassoli (Vertreter der Fraktion Die Linke) sieht das ähnlich: „Spiele finden alle vier Jahre statt, das ist hier keine einmalige Chance. Ich glaube, wir haben jetzt erstmal dringendere Dinge für die Stadt zu tun.“ Andrea Oelschläger (AfD-Fraktion) unterstützt zumindest die Verschiebung des Referendums: „Zum Zeitpunkt des Referendums liegen uns noch gar keine genauen Daten und Zahlen vor. Ein Referendum zu einem späteren Zeitpunkt wäre viel sinnvoller.“

Daniel Oetzel (Vertreter der FDP-Fraktion) gibt den Schülern gegen Ende nochmal den Tipp, sich im Nachhinein weiter zu informieren. Mit Schlagworten wie „Olympia, Hamburg, Finanzreport“ finde man ausreichend Informationen, gerade zur geplanten Finanzierung von Olympia.

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Die Podiumsdiskussion am Albert-Schweizer-Gymnasium ist nicht nur die bisher größte auf der Tour, sondern auch eine der leidenschaftlichsten. Mehrfach fallen sich die Podiumsgäste ins Wort, bezichtigen sich gegenseitig der Lüge oder des Populismus und auch das Publikum nimmt rege an der Diskussion teil.