Unter Heiligen

„Wundert mich nicht, dass die AfD nicht gekommen ist. Die haben hier in St. Pauli eh nichts verloren, wir haben Flüchtlinge hier!“ Das war vielleicht nicht die Meinung des gesamten Publikums der Beruflichen Schule St. Pauli (fast 300 Schüler), wohl aber die Meinung eines einzelnen.

Fragen zum Thema Flüchtlinge kamen trotzdem: „Wie kann man so viel Geld für Olympia ausgeben, wo die Flüchtlinge doch jetzt unsere Hilfe brauchen?“, wollte eine Schülerin wissen. Carl-Philipp Schöpe (Vertreter der SPD-Fraktion) ist der Meinung, man müsse das Ganze isoliert voneinander betrachten: „Jetzt den Leuten zu helfen hat natürlich oberste Priorität. Trotzdem müssen wir auch an die nächsten Jahre denken. Hamburg kann beides schaffen. Ohne Olympia würden wir an die Fläche auf dem Kleinen Grasbrook auch gar nicht dran kommen. Dort haben wir die größte innerstädtische Fläche für Wohnungsbau, auf der wir für Olympia 6000-8000 Wohnungen bauen werden, davon mindestens 2000 Sozialwohnungen mitten im Zentrum. Das ist eine einmalige Chance, das haben wir an keinem anderen Ort.“

Norbert Hackbusch (Fraktion Die Linke) kritisiert, dass das Geld für die Wohnungen in den eingeplanten Kosten von 11,2 Milliarden Euro noch gar nicht enthalten sei und dass auch noch nicht sicher sei, wie viel der Bund dazu bezahlen würde: „Die 6,2 Milliarden sind nicht fest zugesagt. Das ist reine Spekulation und davon auszugehen, wir würden die auf jeden Fall bekommen, das ist Schummeln.“

Die Schüler haben ebenfalls Bedenken: „Wir haben alle bald ausgelernt. Ich glaube kaum, dass dann irgendjemand hier einen Berechtigungsschein für eine Sozialwohnungbekommt. Die anderen, teureren Wohnungen können wir uns dann aber auch nicht leisten. Am Ende kriegen wir als Mittelschicht wieder keine Wohnungen in Hamburg.“

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„Man sollte überlegen, ob Olympia das wirklich wert ist“, stimmt Norbert Hackbusch (Fraktion Die Linke) zu, „ich möchte keine Entwicklung wie in London haben, wo die Menschen, die in dieser Stadt arbeiten, nicht mehr in dieser Stadt leben können. Wir wollen keinen Weltstadtrummel.“

Dass Olympia nicht nur Risiken, sondern auch Chancen für die Stadt birgt, betont Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion): „Es geht ja auch um den Sport. Für den Hamburger Sport ist das eine riesige Chance, die Hallen und Felder wieder spielfähig zu machen. Mit den Paralympischen Spielen kriegen wir außerdem die Möglichkeit, viele Sportstätten barrierefrei zu machen.“

Auch die Situation nach Olympia ist ein großes Thema bei den Schülern. Was ihnen und Hamburg nach Olympia denn bleibt, wollen sie wissen. Michael Rothschuh (STOP Olympia) malt ein düsteres Bild: „Natürlich bleibt das Olympische Dorf, aber was nach 2024 damit passiert, ist völlig unsicher. Das Olympische Dorf ist alleine nicht lebensfähig. Es besteht die Möglichkeit, dass wir dort dann leere Gebäude mit Zäunen drum herum haben.“ Norbert Hackbusch (Fraktion Die Linke) befürchtet, dass von Olympia nichts weiter bleibt, als ein „riesiger Schuldenberg“.

Weitaus positiver sieht das Carl-Philipp Schöpe (Vertreter der SPD-Fraktion):„Wenn man 8000 Wohnungen plus Infrastruktur baut, dann wird das auch genutzt, dann wird da Leben sein. Auch die Sportstätten werden hinterher weiter genutzt. Das Olympische Dorf wird ein sehr lebendiges Gebiet werden.“ Carl Coste (Vertreter der FDP-Fraktion) fügt hinzu: „Gerade der Breitensport und der barrierefreie Ausbau in der Stadt profitiert von Olympia. Hamburg kann sich als Tor zur Welt zeigen.“

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Trotz vieler kritischer Fragen freuen sich die Schüler auf Olympia: „Ich glaube, dass während der Olympischen Spiele ein unglaubliches Gefühl der Gemeinschaft und des Zusammenhalts entstehen kann, egal wo man herkommt und wer man ist. Ähnlich wie bei der WM 2006.“

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„Kaum etwas prägt eine Stadt langfristig so sehr wie Olympische Spiele.“

So leiten die Befürworter von Olympia 2014 die Diskussion an der Sankt- Ansgar-Schule ein. Die 110 Schüler wollen allerdings beide Seiten hören und hinterfragen die Argumente der Podiumsgäste. Die Diskussion wird von zwei Vertretern der Schülerschaft geleitet, die sich von den Politikern nicht einschüchtern lassen und ausweichende oder nichtssagende Antworten nicht gelten lassen.

Erster Diskussionspunkt war das Thema Verkehr. Ob die Hamburger Straßen und Verkehrsmittel eine so hohe Besucherzahl überhaupt stemmen könnten, wollen die Schüler wissen. „Ich glaube, dass die Verkehrsbeeinträchtigungen erheblich sein werden. Zu Olympia wird das ein unglaubliches Chaos werden, gerade am Hamburger Hauptbahnhof.“, antwortet Bijan Tavassoli (Vertreter der Fraktion Die Linke). Benjamin Welling (Vertreter der CDU-Fraktion) sieht das anders: „Die meisten Leute werden öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Busse und Bahnen in Hamburg sind jetzt schon überfüllt. Das ist das Problem der Politik: Wenn es noch funktioniert, brauchen wir nichts tun. Und genau deswegen ist Olympia eine großartige Chance, unsere U- und S-Bahnhöfe und auch den Hauptbahnhof endlich auszubauen. Da kommen wir voran!“

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Doch nicht nur der Ausbau der Hamburger Infrastruktur sorgte für Kontroversen: „Wir brauchen nicht eine große Olympia-Schwimmhalle, sondern viele Schwimmhallen in ganz Hamburg. Ich war hier auch gerade mal auf dem Klo. Das sind die Orte, wo man das Geld reinstecken sollte!“ (Bijan Tavassoli, Vertreter der Fraktion Die Linke). Für Lacher sorgte das darauffolgende Versprechen von Dirk Kienscherf (SPD-Fraktion): „Ihr bekommt dann ja auch alle Olympia Klos!“ Er fügte hinzu: „Olympia schafft günstigere Mieten und nicht steigende Mieten.“

Carola Ensslen (STOP Olympia) glaubt nicht, dass Hamburg die Olympischen Spiele wirklich braucht: „Es ist ein Märchen, dass Olympia uns alles Heil bringt. Infrastruktur, Wohnungsbau, Stadtentwicklung: Wir können das alles auch ohne Olympia machen. Ich sage: lieber das Geld das wir hier in Hamburg haben, direkt in die Stadtentwicklung stecken, als erst auf Olympia zu warten.“ Olaf Duge (Die Grünen) widerspricht: „Das ist ja gar nicht sicher, dass wir das Geld überhaupt bekommen. Wenn wir Olympia nicht in Hamburg machen, dann fließt das Geld für Stadtentwicklung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nach Hamburg, sondern in den Süden Deutschlands.“

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Während das Publikum an der Beruflichen Schule St. Pauli noch etwas verschlafen wirke, nehmen die Schüler der Sankt-Ansgar-Schule regen Anteil an der Diskussion: fast durchgängig werden rote „Dagegen“ oder grüne „Dafür“-Kärtchen nach oben gehalten, um Ablehnung bzw. Zustimmung für die Argumente der Podiumsgäste auszudrücken.