Zahlen, Zahlen, Zahlen

9.50 Uhr morgens, Gymnasium Rahlstedt. Ca. 200 Schülerinnen und Schüler erwarten uns an diesem Morgen zur nächsten Podiumsdiskussion. Mit sechs Gästen ist unser Podium gut besetzt. Zu Beginn der Veranstaltung stellen zwei Schüler durch eine eigene Präsentation den Vorgang während des Olympiareferendums dar.

Danach übernimmt Mike von der Hamburger Morgenpost die Moderation. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde der Podiumsgäste und die Darstellung ihres Standpunktes für oder gegen Olympia wird gleich in die Diskussion gestartet. Die erste Frage wird noch vom Moderator gestellt: „Wie werden die jungen Menschen hier aus diesem Stadtteil von Olympia profitieren?“

Ole Buschhüter von der SPD-Fraktion hält sich zunächst sehr allgemein: „Für Olympia müssen die Sportplätze in ganz Hamburg in einem guten Zustand sein, dafür werden sehr viele Sportstätten saniert. Die ganze Stadt wird was davon haben. Des Weiteren werden die S-Bahnlinien weiter ausgebaut. Dieses wird auch hier in Rahlstedt für euch von Nutzen sein. Momentan kommt man ja nur mit der Regionalbahn bis zum Hauptbahnhof und zurück. Es wird Zeit, dass es die S4 endlich gibt. Durch Olympia würde sich das alles beschleunigen.“ Mehmet Yildiz von der Fraktion Die Linke hält die Rechnung von der SPD-Fraktion für eine Täuschung. Er erklärt: „47 Sportplätze werden durch Olympia saniert. In Hamburg gibt es aber 1600 Sportstätten und Sportplätze. Davon sind alleine schon die Hälfte sanierungsbedürftig. Das ist ja so minimal, was da saniert wird und für den Breitensport nutzbar ist, dass diese ganzen Rechnungen meiner Meinung nur Trickserei ist. Und zusätzlich das Thema S-Bahnen. Durch Olympia werden keine weiteren S- und U-Bahnstationen entstehen, außer der Bau der S-Bahn hin zum Kleinen Grasbrook.“

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Andrea Oelschläger von der AfD-Fraktion bezieht sich noch einmal auf Ole Buschhüter von der SPD-Fraktion: „Es wäre schlimm, wenn der S-Bahnbau noch wirklich 40 Jahre ohne Olympia dauern würde. Es kann doch nicht sein, dass nur wegen Olympia plötzlich alles schnell gehen kann, ohne diese Spiele aber nicht. Der S-Bahnausbau ist dringend notwendig und das sollte auch durch die Stadt ohne Olympia geschafft werden jetzt.“

Die erste Schülerfrage: wird gestellt: „Wie schätzen sie ein, wie viel Geld zu Beginn erst mal in die Hand genommen werden muss für Olympia und kann Hamburg da mit Gewinn rausgehen?“ Olaf Duge (Die Grünen) erklärt es wie folgt: „Wir haben einen Finanzbericht und hier ist es so zum ersten Mal in großem Umfang zusammengestellt, was Olympia kosten würde aber auch was wir für Gewinne daraus ziehen können. Olympia wird insgesamt ungefähr 11,2 Milliarden Euro kosten. Davon müssen Hamburg und der Bund 7,4 Milliarden Euro zahlen. Hamburg hat gesagt, dass es aber allerhöchstens 1,2 Milliarden Euro zahlen wird. Die restlichen 6,2 Milliarden muss der Bund zahlen, sonst ist Hamburg raus. 1,2 Milliarden, nicht mehr. Aber der Finanzplan ist auch sehr gut gerechnet, deswegen mache ich mir da keine Sorgen.“

Mehmet Yildiz (Fraktion Die Linke) sieht das anders: „Es ist egal ob Geld vom Bund kommt oder nicht. Erstens: wir hier in Hamburg müssen für alles haften, was kommen wird. Zweitens: Der Bund hat noch gar nicht zugesagt, dass sie das fehlende Geld übernehmen. Und drittens wird Olympia nicht 11,2 Milliarden Euro kosten. Wir rechnen mit ungefähr 20 Milliarden Euro, da in dem Finanzbericht viele Kosten noch gar nicht eingerechnet sind, wie beispielsweise der Bau des Olympischen Dorfes. Die Steuerzahler müssen im Endeffekt Olympia bezahlen.“

Ole Buschhüter von der SPD-Fraktion möchte dazu noch etwas ergänzen: „Mir ist wichtig noch einmal folgendes zu betonen: Ja, das ist viel Geld, was hier investiert wird. Olaf Scholz hat aber geguckt, was können wir uns hier in Hamburg leisten. Und es wurde gesagt, dass wir jährlich 200 Millionen aus dem Haushalt zurücklegen können, bis wir die 1,2 Milliarden zusammen haben. Mehr werden wir aber nicht bezahlen und wenn es mehr werden sollte, dann werden wir diese Bewerbung zurückziehen, aber wenn das Referendum auch positiv ausfallen sollen und der Bund dann sagt, dass sie das Geld nicht oder weniger zahlen wollen, dann werden wir Olympia nicht ausrichten. Ich war drei Jahre Vorsitzender des Untersuchungsausschusses der Elbphilharmonie. Ich weiß genau, was eine Regierung alles tricksen kann, damit ein Projekt so richtig in die Hose geht. Wir sind diejenigen, die jetzt offen die Karten auf den Tisch legen. Und wir haben Kostensteigerungen mit einberechnet. Wir haben aus dem Desaster mit der Elbphilharmonie gelernt.“

Felix Thulke (Vertreter der CDU-Fraktion) sagt dazu noch ergänzend: „Bei der Elbphilharmonie hat man gesehen was alles schiefgehen kann. In dem Finanzreport für Olympia wurde aber eher mit zu viel als mit zu wenig Geld gerechnet. Es wurde eine Inflationsrate mit berechnet. Es wurde wirklich alles sehr negativ berechnet, sodass am Ende die Kosten nicht überschritten werden.“

Aber auch soziale Fragen wurden von den Schülern gestellt: „Aber sollten wir uns nicht lieber um das Flüchtlingsproblem kümmern?“ Olaf Duge von Den Grünen sieht da kein Problem: „Das Thema Flüchtlinge und wie dieses zu Olympia passt ist auf jeden Fall berechtigt. Es geht bei Olympia und Verbindungen von Menschen, die sonst nicht so viel miteinander zu tun haben. Der Sport verbindet und die Sprache ist kein großes Hindernis mehr. Olympia ist für Flüchtlinge eine enorme Möglichkeit in der Gesellschaft anzukommen, Teil dieser Gesellschaft zu werden. Es ergibt sich dadurch ein Synergieeffekt. Das eine stärkt das andere. Und das ist genau das, was wir gerade dringend brauchen.“

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Ein Schüler hat eine einfache Frage an Andrea Oelschläger von der AfD-Fraktion: „Zum Thema Vielfalt bei Olympia: Darf dann Ihrer Meinung nach jeder an Olympia teilnehmen? Egal welcher Herkunft die Person hat?“ Die kurze Antwort: „Ja, das dürfen sie. Das ist selbstverständlich.“

Eine Schülerin hat eine Frage zu den Steuern, die gezahlt werden müssen für Olympia: „Gibt es keine Alternative, den Steuerzahlern noch mehr Geld abzuziehen?“ Ole Buschhüter von der SPD-Fraktion kann beruhigen: „Es wird überhaupt keine Steuererhöhungen gehen. Das ist nur ein Gespenst, das immer rumgeistert und von den Olympiagegnern gestreut wird. Ich finde es eigentlich eine tolle Sachen, wenn es uns gelingt, den Bund davon zu überzeugen, dass Geld in Hamburg investiert werden soll. Ja, vielleicht ist das ein bisschen eigennützig. Aber von einem starken Hamburg profitiert auch die Bundesrepublik Deutschland. Ich verbinde mit Olympia einfach auch Hoffnung für Hamburg. Olympia ist ein Katalysator dafür, dass Dinge, die eh passieren sollen durch die Investitionen vom Bund deutlich schneller kommen werden.“ Rainer Behrens von STOP Olympia sieht das anders: „Es gibt natürlich einen extrem Widerspruch. Es wurde nicht von Steuererhöhung gesprochen, okay. Aber woher spart man denn die 200 Millionen Euro jedes Jahr? Es wird einfach umgeschichtet und am Ende muss an anderen Ecken gespart werden. Kinder- und Jugendeinrichtungen verlieren meistens als erste davon.“

Gegen Ende schimpft ein Schüler erregt: „Ich finde es ein Armutszeugnis, dass Sie überhaupt nicht auf unsere Fragen hier eingehen. Sie ziehen hier ihr Programm ab und interessieren sich überhaupt nicht dafür, was uns interessiert.“

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Die zweite Schule ist das Gymnasium Hamm in Hamburg. Ca. 120 Schülerinnen und Schüler haben sich in der Aula eingefunden.

Die erste Frage kommt direkt von einem Schüler: „Warum ist Olympia so eine große Chance für Hamburg?“ Hansjörg Schmidt von der SPD-Fraktion sieht in Olympia eine große Chance: „Weil es auch nachhaltig Auswirkungen für Hamburg haben wird. Die Stadt wird einen großen Sprung nach vorne machen. Barcelona zum Beispiel hat auch eine riesen Entwicklung durch Olympia gehabt. Solche Städte in der Größenordnung haben einfach die besten Chancen. Und es ist wirklich ein tolles Projekt.“ Florian Kasiske von STOP Olympia sieht die Chancen nur bei den Immobilienunternehmen: „Nicht profitieren werden Menschen, die sich eine Wohnung mieten müssen. Ich war auch schon in Barcelona und dort sind die Wohnungsmieten über 100% gestiegen durch Olympia. Man sagt immer, Hamburg wird durch Olympia weltweit bekannt. Aber die Frage ist eben, für wen ist das ein Vorteil? Und wollen wir das so?“ Benjamin Welling (Vertreter der CDU-Fraktion) sieht das anders: „Außerhalb von Europa kennt keiner Hamburg, und das ist einfach schade. Die Angst, dass die Mieten immer steigen durch Olympia stimmen einfach nicht. Was stimmt ist, dass Barcelona vor Olympia wirtschaftlich wirklich nicht besonders stark war. Aber nach Olympia ist Barcelona nachhaltig wirtschaftlich deutlich aufgestiegen.“ Sabine Boeddinghaus (Fraktion Die Linke) fragt nach dem allgemeinen Nutzen für jeden einzelnen: „Die Frage ist ja, was persönlich hab ich davon, wenn Hamburg weltweit bekannter ist? Hab ich dadurch mehr Bildung, mehr Wohnungen, neue Kitaplätze usw. Es gibt Studien die nachweisen, dass die Wirtschaft in der Vergangenheit überhaupt keine Vorteile in den Austragungsstädten von Olympia gebracht hat. Ich möchte einfach jetzt gute Politik machen und nicht bis ins Jahr 2024 träumen.“ Farid Müller (Die Grünen) dazu: „Ich finde es sind auch in der Politik mal Träume erlaubt. Aber natürlich muss man genau berechnen und überlegen, ob man sich so ein Großprojekt leisten kann, da gebe ich der Kollegin völlig Recht. Aber zum Wohnungsbau: Es werden jährlich 6000 Wohnungen hier in Hamburg gebaut. Zusätzlich durch Olympia werden weitere 8000 Wohnungen entstehen. Für Flüchtlinge werden außerdem 5600 Sozialwohnungen entstehen. Also Mietsteigerungen kommen natürlich nur, wenn es eine Knappheit gibt. Und dagegen kämpfen wir jetzt schon an.“ Florian Kasiske von STOP Olympia stimmt zu, dass Wohnungen in Hamburg gebraucht werden: „Aber wir müssen bedarfsgerechte Wohnungen bauen. 40% aller Hamburger haben ein Recht auf eine sozial geförderte Wohnung, diese Förderung gilt aber immer nur für 15 Jahre, das ist viel zu wenig. Jährlich fallen dadurch immer mehr Wohnungen aus dieser Förderung heraus, weil nicht genug nachgebaut wird.“

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Eine weitere Frage eines Schülers ist, woher das Geld für Olympia überhaupt kommen würde.

Sabine Boeddinghaus von der Fraktion Die Linke hat darauf auch keine Antwort: „Ja, das fragen wir uns auch! Es ist ja nicht so, dass wir im Wahlprogramm stehen haben: ‚Wir sind immer die Spielverderber und direkt dagegen’ und danach gucken wir uns erst die Fakten an. Es hat was mit Realitätssinn zu tun hier und nicht darum, alles schlecht zu machen.“

Benjamin Welling (Vertreter der CDU-Fraktion) erklärt: „Das Geld kommt aus dem Haushalt, ohne dass neue Schulden aufgenommen werden und ohne dass andere soziale Projekte darunter leiden müssen. Die ganze Stadt wird komplett modernisiert, wir haben nachhaltig doch was davon. Es soll aus der gesamten Stadt eine Sportstadt werden. Davon haben doch alle was, davon habt ihr alle was.“

Ein Schüler glaubt nicht wirklich an die Versprechungen der Parteien: „Sie reden von Erneuerung der S- und U-Bahnnetze, des ÖPNV-Netzes. Aber im Endeffekt werden doch wieder nur zwei neue Stationen dazu kommen und die meisten Menschen werden davon nichts haben. Ist es nicht so?“

Hansjörg Schmidt von der SPD-Fraktion widerspricht: „Also erst einmal wird ein neues S-Bahnnetz am Kleinen Grasbrook gebaut, wo außerdem 8000 neue Wohnungen entstehen. Also würde ich nicht sagen, dass das die Menschen nicht betreffen wird. Auf jeden Fall werden auch Menschen erreicht, die dieses Angebot nutzen werden.“

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